490 Deutsche Photographen-Zeitung 1894. Nr. 49.
Nase herum. Aber, lieber Himmel, wer hat denn keine Schulden?— Schulden hat sogar der Staat, warum sollte nicht auch Herr Windig. der lustige Staatsbürger, welche haben?— Vor allen Dingen aber war er eine tüchtige Hilfskraft für Würdig, seine„Retouche“ wohl zu schätzen wusste. dar„So, das wäre gemacht“, sagte sich Herr Würdig.„Die Einladungen nun so- fort abgeschickt. Doch halt! mit den Briefen an meinen werthen Concurrenten und an Herrn Windig wollen wir noch warten, um uns den Erfolg nicht zu verderben.“ Er legte jedes der beiden Schreiben in ein Couvert und schrieb die Adresse darauf. Noch hatte Herr Würdig die Briefe nicht verschlossen, da ertönte schon wieder die Glocke und er beeilte sich, nach dem Atelier zu gehen.
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Als Herr Würdig sein Zimmer kaum verlassen hatte, um einen Kunden zu empfangen, erschien Emma, seine umsichtige und klug waltende Tochter, um ein wenig nach der Ordnung zu sehen. Sie war ein Muster von Ordnungssinn, beherrschte das ganze Hauswesen, und selbst ihr Vater, der sie in mancherlei geschäftlichen An- gelegenheiten zu Rathe zog, folgte häufig ihren Rathschlägen.
Aber ein Weib war sie doch, und als solches auch neugierig, wie jede Tochter Evas.
Als sie jetzt auf dem Tische ihres Vaters die Briefe liegen sah, deren einer den ihr so wohl bekannten Namen ihres Verehrers trug, da konnte sie sich nicht enthalten, einen Blick in die Briefe zu thun.
„Will doch schauen, was er meinem Schatz geschrieben hat“, sagte sie zu
sich selbst,„...... oho, auch der Herr Windig ist eingeladen, der mir so verhasst ist..... Doch sehen wir einmal den andern Brief..... Herrn Hugo Strebling...... was, er soll jede Hoffnung aufgeben, darf nicht mehr mit mir
zusammenkommen!“
Emma schüttelte den Kopf und betrachtete die Miene. Plötzlich aber huschte ein Lächeln über ihr Antlitz. Sie verglich die beiden Umschläge; es war einer so gross, wie der andere. Emma nahm den Brief an Herrn Strebling und legte ihn in das Couvert, auf dem der Name des Herrn Windig geschrieben stand, wäbrend sie den Brief an den Letzteren in das Couvert des Herrn Strebling prakticirte. Dann legte sie beide Briefe auf den Tisch genau so, wie sie vorher gelegen hatten und eilte, als sie ihren Vater zu- rückkehren hörte, schleunigst davon.
Eduard Würdig betrat eilig sein Zimmer. Ihm folgte der Lehrling, dem er verschiedene Aufträge ertheilte.„Und hier“, sagte er jetzt, indem er die Ein- ladungen an die Honorationen dem Lehrling übergab,„sind eine Anzabl Briefe, die sofort besorgt werden müssen.“ Der junge Mann nickte. Damit war die Sache erledigt und er wollte sich entfernen.„Halt!“ rief ihm Herr Würdig nach,„ver-
Briefe mit kummervoller
gessen Sie nicht, das Schild mit der Aufschrift: ‚Weihnachtsaufträge werden recht-
zeitig erbeten’ im Schaukasten anzubringen.“— Damit wandte er sich um, nahm die beiden Briefe an Strebling und Würdig, und ohne sie noch einmal durch- gesehen, verschloss er sie und legte sie in sein Pult.
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Einige Tage waren seitdem vergangen. In kurzer Zeit war Weihnachten. Im Atelier des Herrn Würdig herrschte eine fieberhafte Thätigkeit. Fortwährend
kamen noch Kunden, meistens Verwandte der Stadträthe oder gar diese selbst,
die photographirt sein wollten. Alle hatten einige Fragen in Betreff der liebens- würdigen Einladung, die ihnen Herr Würdig hatte zugeben lassen, an diesen zu stellen.— Nein, das war doch auch zu nett. Und eine Gruppenaufnahme oben- drein! Da musste man sich auch erkenntlich zeigen; und richtig, es war ja schon lange her, dass man sich hatte photographiren lassen, also hin nach dem photo- graphisch-artistischen Atelier des Herrn Ed. Würdig!
Dieser rieb sich schmunzelnd die Hände, wenn ihm auch der Spass etwas theuer kam, was schadete es? Er hatte es dazu, und vor allen Dingen zeigte er einmal seinem Concurrenten, dass es nicht so leicht ist, ihn, Ed. Würdig, den langjährigen Oberhofphotographen L.s zu verdrängen. In diesem erhebenden Be- wusstsein nahm er die beiden Briefe an die Herren Windig und Strebling, und liess sie an ihre Adressen befördern.
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