480 Deutsche Photographen-Zeitung 1894. Nr. 48.
Der Congress.
Aus der Nr. 46 der D. Phot.-Ztg. S. 442 geht hervor, dass der Photogr. Verein in Berlin meinen Bericht über den Zwischenfall auf dem Delegirtentage nicht abgedruckt hat,„um nicht dem auf dem Delegirtentag einstimmig angenom- menen Beschluss, die Redaction der Stenogramme dem Redner zu überlassen, ent- gegenzuhandeln“. Auf derselben Seite giebt Herr Dr. Adolf Miethe in einem Briefe zu, dass„der betreffende Vorgang sich nicht wegleugnen lässt“.
Der Vertreter des Photographischen Vereins zur Förderung der Photographie in Berlin druckt dagegen in den„Photographischen Mittheilungen“ 1894, No- vemberheft II, Seite 256, wörtlich Folgendes:
„Von Seiten des hiesigen Vereins Photogr. Mitarbeiter ist ein Schreiben eingegangen, worin um Auskunft ersucht wird, ob die Aeusserungen, welche in der D. Phot.-Ztg. p. 365 unserem Vereins- delegirten in den Mund gelegt werden:„der Vertreter des Vereins zur Förderung der Photo- graphie in Berlin warf den Herren Gehilfen durchweg(sic!) Neigung zur Socialdemokratie vor“, der Wahrheit entsprechen. Unter Hinweis auf das Stenogramm der Frankfurter Verhandlungen wurde erklärt, dass solche Aeusserung weder der Form noch dem Sinne nach gefallen sei.*)“
und dabei steht in der Fussnote:
*)„Aus diesem Grunde dürfen wir die bezügliche Behauptung der Deutschen Photogr.-Zeitung mittheilen, ohne die in Frankfurt beschlossene Discretion zu verletzen. Red.“
Diese zwiespaltige Meinung bedarf offenbar einer Aufklärung, die der werthe Leser am besten selbst aus dem Folgenden erhält. Ich mache hierbei von dem mir, wie ich in der Nr. 46 nachgewiesen habe, zustehenden Rechte der be- liebigen Veröffentlichung Gebrauch, und theile aus der uncorrigirten stenographi- schen Nachschrift, deren Abdruck bereits seit einigen Wochen im Besitze der sämmtlichen Delegirten ist, die entsprechende Rede des Herrn Professor Dr. H. W. Vogel wörtlich mit:
„Meine Herren, es ist hier eine Frage berührt, die mit zu den aller- heikelsten— ich brauche das Wort, welches schon angewendet worden ist— in der ganzen photographischen Welt gehört. Ich habe mit den Gehilfen-Vereinen Fühlung genommen und mauss leider sagen, dass aus diesen Kreisen wenig Hoffnungsfreudigkeit mir entgegengekommen ist. Man sollte z. B. glauben, nichts läge den Herren Gehilfen näher, als die Stellenvermittelungsfrage, und von keiner Seite ist die Stellenvermittelungs- frage lauer behandelt, ungeschickter behandelt worden— ich kann keinen anderen Ausdruck finden— als von Seiten der Herren Gehilfen. Wenn ich den Ausdruck„Herren“ brauche, so habe ich wohl das Recht dazu. In neuerer Zeit ist nun das Gespenst der Socialdemocratie auch in die Photographie gedrungen; wir haben in Berlin einen echten, ehrlichen, rechten socialdemocratischen Gebilfen-Verein, also einen Verein, der auf Classenhass basirt ist, der also dem Grundprincip huldigt, der vierte Stand ist der allein herrschende im Staate, und alle übrigen sind demo- ralisirte Stände, die nur zu verschwinden haben. Also dem gegenüber sind wir Alle hier verdammt, nicht zum Tode will ich sagen, aber zum Verschwinden. Es kann ja nun sein, dass auch hier Vertréeter dieses Princips sitzen, ich weiss es nicht, absolut nicht. Ich habe mich nie zu dem Glauben bekennen können, dass Leute, die über Fragen der grossen
Politik doch nur als Dilettanten urtheilen können, über die Fragen der
Gesellschaftsreform nur informirt sind durch Schreier, wie sie im„Vor- wärts“ sich geltend machen, dass diese unter die Machthaber versetzt werden sollen, dass sie über die Interessen die allererste Stimme haben sollen. Wenn solche Elemente zugelassen werden, so fürchte ich sehr, die werden die Versammlung recht sehr ungemüthlich machen. Ich kann mir ja sehr gut denken, dass z. B. ein Verein auftaucht, wie er auch wirk- lich existirt, zum Schutze des Wohles der Schulkinder. Wenn nun ein solcher Verein zum Schutze des Wohles der Schulkinder Schulkinder be- rufen wollte, wäre das vernünftig? Ich glaube nicht. Insofern scheint mir die Zuziehung der Gehilfen jedenfalls bedenklich.(Zuruf.) Das „Lächerliche“ stört mich nicht.“
Zu weiteren Mittheilungen stehe ich gern zur Verfügung.
Weimar, den 24. November 1894.
K. Schwier.
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