Jahrgang 
1894
Seite
324
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324 Deutsche Photographen-Zeitung 1894. Nr. 34.

Weichheit erzeugt. Sich auf dieses falsche Licht zu verlassen, ist aber auch falsch und muss die Eigenschaft der Anastigmate etwas weniger von diesem falschen Lichte im Innern der Camera zu verbreiten als eine gute angesehen werden.

Ich habe, um mich von dem praktischen Werth oder Unwerth dieser theoretisch richtigen Thatsache zu überzeugen, eine Anzahl Vergleichs- aufnahmen unter Beobachtung aller möglichen Vorsichtsmaassregeln gemacht und dann die Vergleichsnegative geprüft und prüfen lassen und kann, wenigstens für die dabei benutzten Objective(Doppelanastigmat und altes Voigtländer-Portraitobjectiv 27 und 28,7 cm Brennweite und bei beiden genac 1:7,786 Oeffnung und natürlich auch gleicher Expositionszeit), constatiren, dass der Unterschied an den Negativen kaum bemerkbar war; mauchmal schien sogar das mit dem Anastigmat aufgenommene Negativ weicher zu sein. Unter absolut gleichen Umständen ist ein Unterschied übrigens vorhanden, aber für die Praxis vollständig ohne Belang. Diese Versuche wurden im Atelier bei verschiedenem Licht gemacht. Im Freien jedoch, wo die Objective vom hellen Liebt getroffen werden, ist der Anastigmat im Vortheil; werden jedoch helle Gegenstände von bedeutender Ausdehnung aufgenommen oder gegen den Himmel gearbeitet, und ist die Camera weseuntlich kleiner, als die Leistung des Objectivs sie verlangt, so kann, da die Anastigmate Weit- winkelinstrumente sind, durch die starke Beleuchtung der inneren Camera- wände sogar das Gegentheil eintreten: der Anastigmat kann weniger klare Bilder geben als das Portraitobjectiv. Es ist übrigens wunderbar, dass man jetzt das Härterarbeiten der Anastigmate für Portraits wegen der geringeren Spiegelung der Linsenflächen so hervorhebt und für diese Aufnahmen als einen Mangel der Anastigmate ansieht, während Viele doch schon über 10 Jahre im Atelier mit Euryskopen arbeiten, welche ebenfalls nur vier spiegelnde Linsen- flächen besitzen, und damit eben so weiche Portraits erzeugen als mit Petzvalschen Portraitlinsen.

Ich behaupte demnach, dass die Anastigmate für Portraitaufnahmen aller Art im Atelier ebenso gut zu brauchen sind, als unsere alten Portrait- objective. Letztere haben für diesen Zweck allerdings den Vorzug, dass man sie nöthigen Falls mit grösserer Oeffnung benutzen kann, wenn es sich um Aufnahmen bei sehr schwachem Licht oder um sehr schnelle Kinderaufnahmen handelt. Dass die Mittelscharfe bei den Portraitobjectiven grösser wäre, habe ich nicht finden können. Die Ansicht, dass Anastigmate härter arbeiteten und sich für Portraitaufnahmen deshalb weniger eigneten, kann nur daher kommen, dass bei Prüfungen zu oberflächlich verfahren und eine Abblendung auf gleiche Lichtstärken nicht genau vorgenommen worden ist; dies ist um so wahrscebeiu- licher, als eine grosse Zahl von Fachphotographen die Brennweiten ihrer Objective und die Oeffnungswinkel ihrer Blenden nicht kennt. Beim Vergleich oben genannter Objective musste z. B. bei voller Oeffnung des Anastigmaten der 3 zöllige Voigtländer(Oeffnung 78 mm) bis auf 31 mm Durchmesser ab- geblendet werden. Es ist deshalb als ein wesentlicher Fortschritt zu bezeichnen, dass auf der Fassung der neuesten Objective die Brennweiten und auf den Blenden die Lichtstärken eingravirt sind.

Für gewöhnliche Portraitaufnahmen wäre also keine Ursache vorhanden, sich Anastigmate anzuschaffen, wenn man gute Portraitobjective besitzt. BHanqdelt es sich aber um Gruppenaufnahmen bei geringem Abstande, wie dies in kurzen Ateliers oder bei Blitzaufnahmen in Zimmern etc. oft der Fall ist, um Aufnahmen von Innenräumen und Momentbildern, sowie von Reprodue- tionen und Architekturen, so sind die Anastigmate den Portraitobjectiven, Aplanaten, Euryskopen etc. ganz bedeutend überlegen, denn sie geben schon bei voller Oeftnung ein sehr ebenes Bild und bei bedeutendem Bildwinkel eine Seitenschärfe, die geradezu verblüffend ist. Grappen brauchen wegen der Ebenung des Bildfeldes nicht wie bei unseren alten Objectiven kreisbogen- förmig, sondern können in gerader Linie aufgestellt werden, was leichter ist und bessere Grössenverhältnisse ergiebt, denn die seitlich dem Objectiv be- deutend näher gestellten Personen werden gegen die Mittelfiguren natürlich unverhältnissmässig gross.

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