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Nr. 30. Deutsche Photographen-Zeitung 1894. 283
Der Moment-Photograph.
lebh will hier nicht von einem Moment-Photographen à la Anschütz etc. er- zuͤhlen, sondern von einem jener Collegen, welche ihre Kunsterzeugnisse innerhalb 5 Minuten auf unzerbrechliche Blechplatten herstellen und deshalb so glücklich sind, Copirer und Retoucheure missen zu können. Warum soll man da nicht auch erzählen können, giebt es denn nur in allen anderen Ständen Leute, die im Leben Schiffbruch gelitten haben? Sind die Photographen so glücklich, nur den Witzblättern einigen Stoff zur Unterbaltung bieten zu können? Leider nein!
Eine Kunst, oder sagen wir ein Gewerbe, welches in 50 Jahren einen so immensen Fortschritt zu verzeichnen hat, dem sich im Anfang, in der Gegen- wart weniger, alle Diejenigen zuwandten, welche unzufrieden mit ihrer Lebens- stellung oder ganz damit verunglückt waren, eine solche Gesellschaft aller Bildungsgrade bietet sicher vielen Stoff in reicher Auswahl, um die Lebens- schicksale nach jeder Richtung schildern zu können.
Dieses Mittelding zwischen Kunst und Handwerk, welches in der Taufe den Namen„Photographie“ erhalten hat, prägt auch ihrem Jünger den Stempel der Zwitterhaftigkeit auf und dieses Zwitterding heisst Kunsthandwerker.
Es geht uns ähnlich wie dem Apotheker:„halb Commis und halb Student, braucht der keine Altersrent““.
Wäre ich nun ein grosser Schriftsteller, der seine Gedanken durch Wahr- heit und Dichtung zu ergreifenden Worten verbinden kann, es würde meiner füchtigen Skizze grösseren Werth verleihen. So mögen meine schlichten Worte nur dazu dienen, ein Lebensschicksal zu schildern, welches in seiner Einfachheit eine Bürgschaft der Wahrheit ist.
Es ist Sonntag Nachmittag und da ich die Ehre habe, dem Personal einer grossen Firma anzugehören, welche es nicht für nöthig hält, ihr Atelier Sonn- tags aufzuhalten, so habe ich das Glück, den Sonntag Nachmittag stets für mich ausnutzen zu können.
In der fürchterlichen Julihitze ist alles dasjenige Publikum in die Bäder geflüchtet, welches sich dazu berechtigt und bemittelt hält; die andere, weniger glückliche Gesellschaft sucht der fast tropischen Hitze in der Stadt zu ent- lliehen, so oft die Möglichkeit dazu vorbanden ist, deshalb ist Berlin an einem Sommersonntag halb entvölkert. Wen nicht die Pfliicht bindet, der eilt hinaus, und nach allen Richtungen fliehen die Bewohner des modernen Spreebabels, um sich auf Stunden wenigstens dem Genusse frischer, reiner Luft binzugeben. Was zurück bleibt sind Pflichtmenschen, alte Männer und Frauen, die am Hexenschuss leiden, Photographen, Poeten und Studenten, die der Schuster
oder die Wäscherin im Stiche liessen, oder ähnliches Lumpenpack.
Da ich nicht dazu gehören wollte, löste auch ich mir ein Billet, Ver- zeihung: einen Fahrschein, resp. eine Karte nach dem Grunewald und nach einigem Drängen und Drücken, nachdem ich einige Rippenstösse empfangen und zurückgegeben hatte, befand ich mich in fürchterlicher Enge im Coupé eines Stadtbahnwagens.
Da sass ich nun in der Mitte zwischen vorsorglichen Hausmüttern, welche die Esskober mit ihrem kostbaren Inhalte auf den Knieen balancirten, und andern vergnügten kleinen und grossen Menschen, welche sich unbekümmert um meine hellen Beinkleider so intim wie möglich um mich berum drückten.
Endlich sollte das, wie Alles in dieser Welt, auch ein Ende haben! Station Grunewald! rief Alles, und mit einer Akrobaten-Geschwindigkeit kletterte Männlein und Weiblein mit der Familie gross und klein aus dem Coupé.
Der grösseren Ortskenntniss der Berliner vertrauend folgte ich dem Strome in seinem Hauptlaufe und stand bald an der Pforte eines jener grossen Volks- locale, welche die verlockende Aufschrift aushängen:„Hier können Familien Kaffee kochen“. Also hinein!
Zwar besitze ich selbst keine Familie, doch ich weiss, dass aus dem nur ungenügend aufgebrühten Kaffeesatz noch eine halbwegs leidliche Tasse Kaffee für Diejenigen gebraut wird, welche nicht selbst kochen, d. h. ohne die erforder-


