Jahrgang 
1894
Seite
240
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240 Deutsche Photographen-Zeitung 1894. Nr. 25.

er combinirt a ed e gh i m u. s. w. Kurz, die Art und Weise der Zusammenfügung kann unendlichverschieden sein, und so verschieden müssen anch die Wahrnehmungen sein, die schliesslich beinahe einander gar- nicht mehr gleichen.

Von nicht wenig Belang ist für uns die von der Photographie aufgeworfene Frage, ob wir die Gegenstände richtig sehen, d. b. ob das Bild, das uns unser Auge liefert, mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Wir wollen von den Fällen absehen, wo die Photographie wirklich verstümmelt wiedergiebt, und die Fälle nebmen, wo auf dem photographischen Bilde kein Fehler nachzuweisen ist und doch der Beschauer, der den Gegenstand kennt, sofort erklärt, dass dieser in Wirklichkeit nicht so aussieht: wir kennen dies aus der Beurtheilung von Landschaften, Gebäuden und Wohnräumen. Hierüber ist unendlich viel ge- schrieben worden, am verständlichsten für mich von Professor Dr. Streintz in der Photographischen Correspondenz, October/November 1892Die Tiefenper- spective. Wir müssen uns daher wohl fragen, ob der photographische Ap- parat richtig sieht und wir nicht falsch sehen? Wenn z. B. Jemand auf mebrere Meter Entfernung mir gegenüber sitzt und ich ihm die flachen Hände vorhalte, dass ich die eine Hand flach vor das Gesicht und die andere Hand mit gestrecktem Arm, also etwa ¾ Meter näher an den Beschauer balte, dann wird er beide Hände gleich gross seben; stellt man einen photographischen Apparat auf seinen Platz, und photographirt nun meine Hände in der ge- nannten Haltung, dann wird auf dem Bilde die nächste Hand unverhältniss- mässig grösser, als die andere erscheinen. Nach den Gesetzen der Perspee- tive ist jedoch das letztere Bild das richtige. Die Hände müssen sogar in der Grösse verschieden aussehen. Durch directes Sehen hat sich ein Erfah- rungssatz gebildet, der Beschauer weiss, dass meine Hände gleich gross sind, und deshalb sieht er sie auch so. Sieht man die Photographie von den Händen an, so wirkt dieser Erfahrungsgrund nicht mehr so kräftig mit, das Bild scheint ihm zu widersprechen, und so halten wir eine Verbesserung für einen Fehler; wir sehen auf dem Bilde perspectivisch ganz richtig, und doch scheint es uns falsch zu sein.

Nehmen wir z. B. mit einer weitwinkligen Linse ein Zimmer auf, dann sehen wir auf dem Bilde mit einem Blick zwei Wände z. B. in eins, das macht auf uns einen Eindruck von Unrichtigkeit, denn mit dem blossen Auge können wir recht wohl einen Stuhl ansehen, ohne den Kopf oder die Augen zu be- wegen, und da der Apparat mehr kann als wir, so ist das, was er wiedergiebt, fremd und wird daherfalsch genannt. Dabei vergessen wir, dass Fern- gläser, Mikroskope und andere Apparate auch viel wiedergeben, was wir mit blossem Auge nicht sehen, ohne dass wir das Wiedergegebene des- halb als falsch brandmarken. Wie weit jedoch dasAnders-Sehen durch die einzelnen Menschen geht, wissen wir nicht die Augen des Einen können den photographischen Apparat näher kennen als die eines Anderen, und wenn zwei Zeugen dann Dasselbe verschieden schildern, sind wir vielleicht nicht berechtigt, die Wahrnehmung oder gerichtliche Aussage des Einen oder des Anderen als unwahr anzunehmen.

Eine ganze Reihe theoretischer Feststellungen ist bereits dem photogra- phischen Apparate zu danken, ich will aber als Beispiel nur das Entstehen der Fuss- spuren anführen. Diese sind in sehr vielen Fällen für den Juristen von dem grössten Gewicht. Handelt es sich nur um die eine oder die andere Aufnahme an Ort und Stelle, dann ist weder Zeit noch Gelegenheit zu Studien, diese müssen vorher gemacht werden, man muss namentlich vollkommen klar wissen, wie und unter welchen Umständen eine Fussspur entsteht. Anatomie, Physiologie, Waidmannswissenschaft ete. sind nicht hinreichend; eine wirkliche Aufklärung über das Entstehen verschiedener Spuren durch Gehen, Stehen, Laufen, Rennen, von grossen und kleinen Männerp, Weibern, Ermüdeten und Ausgeruhten, Be- ladenen und Unbeladenen etc. erlang:t man erst durch die Momentpboto-

graphie. Besonders schöne Resultate von laufenden Männern waren auf

Momentphotographieen zu sehen, die Anschütz in Lissa augefertigt hatte; vollkommene Sicherheit über das Entstehen der Fussspuren wird aber erst erzielt werden, wenn man die Sohlen von Jemandem, der auf dicken Glas-