164 Deutsche Photographen-Leitung 1894. Nr. 17.
Grundforderung, der Natur nicht Gewalt anzuthun, völlige Genüge geschehen, braucht bei einer 80 rückhaltlos anerkannten Leistung nicht. erst gesprochen zu werden. Entscheidend aber ist es, dass ohne Verletzung dieses Grundsatzes ein wahrhaft künstlerisches Compositionsgesetz waltet. Die jeweils gewählten Gegenstände treten nach der Eigenart ihrer Bildung charakteristisch in Form und Bewegung hervor; die Zusammepstellung des Verschiedenartigen bietet jmmer nur die echt Künstlerisehe Mannigfaltigkeit, schliesst sich aber zur Ein— heit zusammen— der etwas wunderliche Fächer auf dem Blatte 122 mit dem grossen Crucifix in der Mitte bestätigt als einzige auffällige Ausnahme uur die Richtigkeit des Urtheils—; und die grosse Zahl der Gegenstände und der Arten von Gegenständen, welche vorgeführt werden, zeugt von der Beweglieb- keit und Kraft der gestaltenden Phantasie. Den böchsten Grad der Meisterschaft bekundet aber erst die Anordnung; und hier kann die Sammlung wahrhaft vorbildlich werden, mehr als eine andere, weil ihr nicht, wie allen anderen, vom„rein naturalistischen“ Standpunkte aus Willkür und stilisirende An- wandlungen vorgeworfen werden können: hier ist nicht bloss in Anlehnung an natürliche Vorbilder gestaltet; sondern diese sind selber dem künst- lerischen Zwecke(der Verzierung) angepasst und so in dem jeder Verfälschung und Untreue unfäbigen photographischen Verfahren unmittelbar nachgebildet. Da berührt es nun geradezu wunderbar, wie vollständig und durchgängig die Winlkürlichkeiten der naturalistischen Composition vermieden sind. Der Ver— fasser hat— und das zeichnet ihn weit vor all den lauten Aposteln des modernen Naturalismus aus, die in der bedingungslosen Verherrlichung des reinen Zufalles als Kunstgesetz ihrer technischen und künstlerischen Unfähig- keit ein Mäntelchen überzuhängen versuchen,— die volle Einsicht, dass nicht Alles in der Kunst ein Recht hat, was in der Wirkliehkeit Dasein bat, sondern dass der Künstler sich nur in der weisen Auswahl und der klugen Lenkung des Zufalles bewäbhrt. Je unmerklicher hier seine Absicht waltet, um so höher sein Verdienst. Mit einem Worte: nur der Naturalismus mit Geschmack ist Kunst; der Naturalismus ohne Geschmack ist Brutalität mit Impotenz vVer- punden. Der Verfasser nun hat einen so fein gebildeten Geschmack, dass es ein wahrer Hochgeuuss ist, sich von ihm mit der künstlerisch eindrucks- und ausdrucksvollen Natur bekannt machen zu lassen. Man schämt sich ordent- lich, noch nicht selber gesehen zu haben, was in diesen Motiven Alles steckt, wenn man sie nur zu behandeln versteht. Seine Hauptkraft liegt gerade auf der für den schaffenden Künstler wichtigsten Seite, in dem Raumgefühl. ES ist erstaunlich, zu sehen, mit welcher scheinbar spielenden und sorglosen Leichtigkeit er namentlich die pflanzentheile verstreut, und wie fein abgewogene Massenvertheilung dabei überall zu Stande kommt. Und das ist ganz ebenso dort der Fall, wo er die Einzelheiten energischer zusammenfasst— iu Gewinden u. dergl.— und damit bis nahe an die strengsten, fast Schol- stilisirenden Verwendungen der Naturformen anstreift, wie dort, wo er— oft in überraschenden Anklängen an die eigensinnige Ungebundenbeit japanischer Flächenverzierung— sich in kühnster Regellosigkeit gehen lässt. Und Waàs baut er da mitunter zusammen! Man braucht z. B. nur die mehrfach vor-
kommenden Gruppen(Trophäen) von musikalischen Instrumenten durch-
zugeben, um einen annähernden Begriff von der Beweglichkeit und Machtfülle seiner den Stoff bezwingenden Phantasie zu bekommen.
Es ist ganz unzweifelhaft, dass seit Jahrzehnten ein an Unfug grenzender Luxus mit Veröffentlichungen aller möglichen und unmöglichen Vorbilder—
geschichtlicher und neu erfundener— für Kunst und Kunstgewerbe getrieben
wird. Verschwindend klein aber dürfte die Zahl derjenigen sein, die 8o VIe selbstständiges Verdienst ihrer Urheber und solche Fülle der Belehrung un Anregung darbieten wie die vorliegende.
Ein photographisches Fachblatt erfüllt eine überaus angenehme und schmeichelhafte Aufgabe, indem es ein solches Urtheil der strengsten Wahrbeit gemäss über eine wesentlich photographische Arbeit abzugeben sich beeilt.
Berlin. Bruno NMeyelr.
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