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Nr. II.
Deutsche Photographen-Zeitung 1894. 103
nach rechts und nach links hin ist etwas brauchen.
Jetzt sind wir bei einem Punkte der Operation angelangt, der von den meisten der bisherigen Erklärer des Vorgangs, auch in physikalischen Lehr- büchern, entweder ganz unerwähnt gelassen oder wenigstens nicht erklärt wurde. Die photographische Aufpahme giebt nämlich das linke Bild auf der linken, das rechte Bild auf der rechten Seite, drückt also die verlangte und in den Bildern in der That enthaltene Kreueung der Sehaxen nicht in der Stellung durch Ortsveränderung der Bilder aus, die das Auge für das Urtheil bei der Wahrnehmung beim Sehen von selbst vollzieht. Die beiden durch die Aufnahme erhaltenen Bilder müssen also jetzt umgestellt werden, das rechte Bild nach links, das linke nach rechts, sonst erscheint bei der Beschauung des Resultats ein pseudoskopisches Bild, in diesem erscheinen alle Vertiefungen erhaben, alle Erhabenbeiten vertieft, was hinten sein soll, erscheint vorn und umgekehrt.
Bietet man nun durch Umstellung der Bilder dem linken Auge das rechts aufgenommene, aber durch die Kreuzung der Sebaxen nach links zielende, dem rechten Auge das links aufgenommene, nach rechts zielende Bild, wie beim Sehen und Wahrnehmen, dar, so decken sich in der idealen Projectionsebene die identischen Punxcte der beiden Bilder, wie bei der Wahrnehmung des Gegen- standes selbst, mittels ihres Zusammeutreffens an correspondirenden Stellen der Netzhaut, zu einem einzigen plastischen Bilde, welches alle räumlichen Ab- weichungen von der Ebene wie der abgebildeten Körper selbst zeigt, und zwar
mehr Bild entstanden als wir
dies in den richtigen natürlichen Verbältnissen, wenn bei der Darstellung der
Werth der Parallaxe richtig berücksichtigt wurde. Wie das zu verstehen ist, soll im Folgenden erklärt werden. Zuvor ist noch zu constatiren, dass alles Das, was bei der Aufnahme nach den Plattenrändern zu zu viel erschienen, also nur einmal, nicht doppelt vertreten ist, nicht plastisch erscheinen kann.
Der zufällige augenblickliche Standpunkt des Beschauers ist für die Dar- stellung der besten, resp. der charakteristischen plastischen Wirkung eines Gegenstandes nicht immer maassgebend. Für das Sehen bietet sich der beste Eindruck für die Beurtheilung des Körperlichen innerhalb derjenigen Ent- fernungen der Gegenstände vom Augenpaare, in denen die Einzelheiten dieser Gegenstände deutlich zu uuterscheiden sind. Man nennt dies den Bezirk der deutlichen Sehweite Da die Lage in Beziehung zum Auge und die Tiefen-Aus- dehnung dieses Bezirks jedoch für jedes Auge verschieden sind, je nachdem z. B. ein Auge normalsichtig oder kurzsichtig oder weitsichtig ist, so ist auch die Befähigung für unmittelbare Beurtheilung des Körperlichen eine indivi- duelle; sie wird aber bei allen Denen in genügendem Maasse vorhanden sein, denen die parallactische Verschiebung der beiden Projectionsbilder bei der gegebenen Basis des 4Abstandes der beiden Augen von einander in jedem dieser beiden Bilder deutliche Unterschiede erkennen lässt. Dies findet statt für jedes Auge vom Be- sinn seiner deutlichen Sehweite an, solange der Winkelwerth der Parallaxe nicht zu klein, d. h. solange der Körper nicht zu weit entfernt ist. Je entfernter also der auf seine Körperlichkeit zu beurtheilende Gegenstand ist, desto länger gestreckt ist das gleichschenkelige Dreieck, dessen Basis die Entfernung beider Augen von einander, dessen Winkel an der Spitze die Parallaxe dieser Basis ist.
Daher also kommt es, dass man z. B. die Einzelheiten einer Landschaft, je näher gegen den Hozizont, je undeutlicher erkennt.
In vielen Fällen kann man das scheinbar einfachste sich darbietende Mittel dagegen benutzen— man geht näher heran an den entfernten Gegenstand, so weit, bis man seine körperlichen Einzelbeiten deutlich sehen und be- urtbeilen kann.
Vergegenwärtigen wir uns, was wir damit erreichen, und sehen wir dann zu, ob es vielleicht im Verlauf der photographischen Darstellung ein gleichwerthiges Mittel giebt, das uns diese oft unausführbare Ortsveränderung ersetzten kann.
Betrachten wir die umstehende Figur 1.
An unserm ersten Standpunkte, in welchem unter 55 die Entfernung unserer Augen von einander, 7,5 cm, als Basis markirt ist, befanden wir uns so ent- fernt vom Gegenstande g, dass wir seine plastischen Einzelheiten nicht mehr deutlich unterscheiden konnten. Wir gingen deshalb näher an den Gegenstand


