Jahrgang 
1894
Seite
71
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Nr. 8. Deutsche Photographen-Zeitung 1894. 71

Herren viel Charakteristisches verloren gegangen, das wir mit Vergnügen ge- sehen hätten, wenn es stehen geblieben wäre.

Bei A. Wicky in Bern und Interlaken ist mir aufgefallen, dass er noch ein Bischen stark in alter Weise mit schwarzen Schatten arbeitet; nicht in dem bellen, durchsichtigen Tone, dessen sich jetzt die Portraitphotograpbie all- gemein und mit Recht befleissigt. Es kann nicht zweifelbhaft sein, dass dadurch der Eindruck der sonst vielfach recht gewandten Arbeiten unverdientermaassen beeinträchtigt wird.

Einen recht erfreulichen Eindruck macht gerade in Rücksicht auf den eben charakterisirten eleganten Ton die Ausstellung von G. Tillmann-Matter in Mannheim, namentlich durch die grösseren Aufnahmen fast bis zur Lebens- grösse. Es verdient dies um so mehr bervorgehoben zu werden, als die Bilder auf Albumin-Papier copirt sind, wäbrend die Ansicht immer allgemeiner Boden zu gewinnen scheint, dass nur mit den neueren Positivpapieren diese feineren Wirkungen sich erzielen lassen. Auch beweist diese Sammlung von vortrefflichen Albuminbildern schlagend, wie zutreffend die vorher gemachten Bemerkungen über Vergleichsabdrücke auf verschiedenen Papieren sind.

Ziemlich verfehlt ist leider die recht sorgfältig und bewusst inscenirte Ausstellung von Richard Klepsig in Hildesheim; namentlich mit den weissen Hintergründen will es ihm noch gar nicht gelingen. Sie fressen ihm auf un- erklärliche Weise die ich wenigstens hier nicht so erklären möchte, wie ich glaube, sie mir erklären zu können, die äussersten Theile der davor sicht- baren Figuren an. So lange Derartiges noch ein Wagniss darstellt, soll man sich davon fern halten.

Eine Probe von farbigen Retouchen hat uns Fräulein C. Delbanco in Hamburg mitgetheilt. In diesen Dingen wird viel gesündigt, was freilich nicht auf Rechnung der Photographie kommt, da diese ja nur den unter der Aus- führung verschwindenden Ausgangspunkt der Arbeit bildet. In der Regel steht der(künstlerische) Werth dieser Uebermalungen etwa im umgekehrten Ver- hältniss zu ibrem anspruchsvollen Auftreten. Auch die uns vorliegenden Bilder sind, wie gewöhnlich, zu allgemein, zu glatt gearbeitet, ein Verfahren der Retouche, gegen das nicht ernstlich genug Verwabrung eingelegt werden kann.

Ernst Sonntag in Dresden ist vielfach in Reproduction thätig. Das Urtheil über diese seine Thätigkeit muss aber insofern etwas zurückgehalten werden, weil die, wie es scheint, überaus fragwürdigen Originale seiner Nach- bildungen nicht vorbanden sind, ausser bei einer kartographischen Arbeit in Photolithographie, die auch an sich am meisten befriedigt. Die Vorführung einiger Hilfsmittel der Redroductionstechnik(Rasterplatten ete.) erweckt den Eindruck, als wenn ihm das rein Technische noch eine selbstständige Wichtigkeit hätte, was den Schluss auf eine noch nicht abgeschlossene Be- wältigung desselben zu gestatten scheint wie auch die Arbeiten selbst. Viel interessanter und erfreulicher ist die grosse Reihe ausgestellter Augenblicks- aufnahmen, die zum Theil vom fabrenden Dampfschiffe und selbst Schnellzuge aus mittels der Ediuson-Camera mit Zeiss-Anastigmat gemacht sind. Sie zeigen bandgreiflich, was die modernen Hilfsmittel der Momentphotographie vermögen; weiter allerdings auch nichts, denn die Masse ist zu wahllos vor- geführt, um irgend einen höhberen Maassstab zuzulassen: es sind lediglich er- haschte Abbildungen von rein gegenständlichem Iuteresse. Das Staunen und die individuelle Anerkennung für Das, was eben doch der Apparat leistet, müssen wir uns denke ich allgemach abgewöbnen.

In der Nähe finden wir Versuche von zwei Amateuren, den Gebrüdern W. und C. Jénézon im Haag, die sich einen eigenen Verschluss mit angeblich 1/10oo Secunde Expositionsdauer construirt haben. Ueber diesen fehlt uns das

Urtheil, da er in natura nicht vorliegt. Wenn die damit aufgenommenen Sachen

auch nicht auf einer besonderen technischen Höhe stehen, so zeigen sie doch, dass sich die Herren namentlich mit bewegten Thiergestalten viel und nicht ohne Erfolg beschäftigt haben.

Daneben findet sich Louis Koch in Bremen mit Interieurs vertreten. Die Lichthöfe sind, obgleich gegen die Fenster photographirt ist, bis auf die letzte Spur beseitigt. Wenn, wie versichert wird, diese Aufnahmen auf gewöhnlichen