Jahrgang 
1894
Seite
52
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52 Deutsche Photographen-Zeitung 1894. Nr. 6.

Müller hat es in gemeinnütziger Freundlichkeit selbst mehrmals bekannt ge- macht, dass er zur Aufnahme solcher aunähernd oder ganz lebensgrossen Köpfe sich bloss der Vorderlinse eines grossen Portraitkopfes bedient. Der vor- liegende Erfolg dieser Praxis rechtfertigt vollkommen die warmen Empfehlungen des Urhebers. Auf die Trefflichkeit nach allen wesentlichen Richtungen, ins- besondere auf die künstlerische Anordnung der Beleuchtung, ist bei einem erprobten Meister wie Müller nicht nöthig hinzuweisen. leh möchte aber aun die Lichtführung noch eine allgemeine Bemerkung anknüpfen. Sie werden in den besten und gelungensten Naturalphotographieen, aàhnlich wie bei den Blitz- lichtaufnahrmmen überhaupt, hier und da Mängel bemerkt haben, die vermuthlich nicht eingetreten wären, wenn die Beleuchtung in ihrer Wirkung vorher hätte übersehen werden können. In dieser Beziehung ist die gewöhnliche Atelier- aufnahme günstiger gestellt. Die volle Freiheit von störenden Zufälligkeiten und von einer schablonenmässigen Routine ist doch nur erreichbar, wenn man das Originpal in demselben Lichte beobachtet und arrangirt, in dem die Auf- nahme erfolgt. Wenigstens annähernd sollte daber, wie ich an der ange führten Stelle angedeutet habe, auch bei der Vorrichtung zur Naturalphotographie hier für die Möglichkeit geschaffen werden.

An diese lebensgrossen Sachen, die auf directer Aufnahme beruhen. schliessen sich die indirect, durch Vergrösserung erzeugten. Wir haben zwei Gruppen solcher. Karl Kesselhuth, Hildesheim, zeigt uns eine Reibe von Bromsilberbildern nach kleinen Originalnegativen. Wir dürfen uns nicht zu ungerechtem Urtheil verleiten lassen, wenn sich uns die Wahrnehmung aufdrängt, dass sie gegen die leuchtende Pracht der directen Aufnahmen ein Weniges zurückstehen. Das liegt in der Natur der Sache. Aber die Sicherheit der ganzen technischen Bebandlung hat etwas Imponirendes. Als vorzugsweise ver- dienstlich möchte ich auf die gewissenhafte Handhabung der Retoucbe hinweisen, die ein leider oft, und am meisten gewöhnlich gerade bei Vergrösserungen vermisstes künstlerisches Verständniss verräth. Es ist vollständig vermieden. mit sichtbaren einzelnen Strichen zu arbeiten; lediglich mit dem Wischer baben die nothwendigen Ausgleichungen stattgefunden. Von der hierbei wiederum drohenden Gefahr, die Formen zu verallgemeinern, die zarteren Details um- zubringen, hat Kesselhuth sich in anerkennenswerther Weise ganz frei zu halten gewusst. So hat er seinen vergrösserten Köpfen zu einem durchaus erfreulichen Eindrucke verholfen. Erwähnenswerth auch als besonders tüchtige Auf- nahme in ihrer Art ist noch die auf natürlichen Maassstab vergrösserte Hundegruppe. Sie könnte einem H. Sperling zur Ehre gereichen.

Ich komme zu Wilhelm und K. M. Winter in Wien. Wir finden eine Anzahl von Linographieen, d. b. mit Oelfarben aber bei den hier aus- gestellten Stücken nur grau in grau übermalte Vergrösserungen auf Lein- wand. Da hierbei das auf photographischem Wege Erzeugte für das Auge ver- schwindet, auch eine Vergleichung mit den Originalaufnahmen nicht ermöglicht ist, kann hier nur die unter rein künstlerische Gesichtspunkte fallende Ueber- malung nicht Retouche! beurtheilt werden. Das geht aus dem mir hier gezogenen Umkreise hinaus. Erhebliche selbststäudige Ansprüche werden diese malerischen Leistungen nicht erheben. Eine gewisse Tüchtigkeit und Fertigkeit des Machwerkes kann man ihnen nicht absprechen. Auge und Hand bleibt wenigstens dem grossen Maassstabe nichts Auffälliges schuldig, wie einem der- gleichen selbst bei prätentiöskünstlerischen Arbeiten verwandter Art nur zu häufig begegnet. Näher steht uns eine Anzahl von Vergrösserungen nach einem von den Ausstellern ausgebildeten Platinverfahren, welchem eine ausserordent- liche Empfindlichkeit nachgerühmt wird, und das dadurch zu Vergrösserungen besonders geeignet erscheint. Denn es ist klar, dass die eigenthümlichen Eigen- schaften des Platins, also vorsugsweise die Möglichkeit, klare, starke Lichter bei grösster Tiefe der Schatten zu erreichen, es falls die Expositionen nicht zu lang werden zu den bei Vergrösserungen hervorragend wichtigen Leistungen ausserordentlich qualificiren. So hat es nicht fehlen können, dass die Sachen einen grossen und erfreulichen Eindruck hervorbringen, der noch dadurch unter- stützt wird, dass wir zufällig in der Lage sind, stellenweise die Vergleichung mit der Originalaufnahme vorzunehmen, und diese durchaus empfehlend für

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