Jahrgang 
1889
Seite
202
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Deutsche Photographen-Zeitung 1889. Leuchtende Nachtwolken.

Seit einigen Jahren fesseln bisher nicht beobachtete Er- scheinungen in der Erdatmospbäre die Aufmerksamkeit der Meteo- rologen und Astronomen in hbohem Grade. Allgemein bekaunt und beobachtet sind die sogenannten Dämmerauugserscheinungen, jene röth- liche Gluth, welche der Abend- und Morgenhimmel in den Jahren 1883 bis 1885 in so auffälliger Weise zeigte. Diese Erscheinung stand im directesten Zusammenhange mit der grössten vulkanischen Eruption, von welcher wir Kenntniss haben dem Ausbruche des Krakatoa an der Sundastrasse im August 1883. Durch diese vul- kanische Explosion verschwand die ganze Insel von Grund aus, wo- bei Staubmassen von vielen Kubikmeilen Umfang in die Luft ge- schleudert wurden. Ein Thbeil dieses Staubes folgte schnell den Gesetzen der Schwere und senkte sich wieder zur Erde; ein auderer, und vielleicht der grössere Theil, wurde in feinster Vertheilung in so bedeutende Höhe geschleudert, dass er sich in den oberen Schichten unserer Atmosphäàre um den ganzen Erdball gleichmässig vertheilte und die Ursache der erwähnten, mehrere Jahre anhaltenden Dämmerungserscheinungen wurde.

Kurz vor dem Verschwinden der anfangs prächtigen, allmäblich aber an Glanz stark abnehmenden Dämmerungsphänomene sStellte sich eine neue, höchst auffällige Erscheinung ein, die bis zum heutigen Tage mit einiger Veränderung angehalten hat. Es zeigte sich bald nach Sonnenuntergang innerhalb desjenigen Theiles des Abendhimmels, der von der unter dem Horizonte stehenden Sonne beleuchtet wird, des sogen. Dämmerungssegmentes eine den bekannten Feder- wolken öähnliche Bewölkung, die mit einem eigenthümlichen silber- ähnlichen Glanze leuchtete. Diese sogen.leuchtenden Nachtwolken sind nicht wäbrend des ganzen Jahres sichtbar; in unseren Breiten sind sie bisher nie vor Anfang Juni und nie nach Ende Juli wahr- genommen worden, waͤbrend dieser beiden Monate sind sie nieht in jeder klaren, der Beobachtung günstigen Nacht sichtbar, sondern gewöhnlich tritt das Phänomen an einem Abend zuerst scharf auf, nimmt während der folgenden Nächte an Glanz und Ausdehnung zu und verschwindet dann nach einigen Tagen, um erst in 8 14 Tagen in ähnlicher Weise wieder zu erscheinen. Abgesehen von dem ihnen eigenthümlichen Glanze haben die leuchtenden Nachtwolken ein Aus- sehen, das an die bekannten Cirrus- oder Federwolken erinnert. Mit letzteren sind sie aber nicht zu verwechseln, denn die Feder- wolken projiciren sich am Nachthimmel hell, werden aber dunkel, wenn sie in das Dämmerungssegment eintreten; während die leuchten- den Nachtwolken gerade am Dämmerungssegment stark leuchten, für das Auge aber sofort verschwinden, wenn sie in den Nachthimmel, also in den Bereich des Erdschattens, übergehen. Zu ganz uner- warteten und überraschenden Resultaten haben die Höbenbestimmungen für die leuchtenden Nachtwolken geführt. Die Cirruswolken erheben sich nach Ekholm und Hagström(siehe O. Jesse: Die leuchtenden Nachtwolken. Himmel und Erde, Heft 5, S. 263) im äussersten Falle etwa 13 km, also kaum zwei Meilen, über die Erdoberfläche, während