Druckschrift 
Zur Geschichte der freien Verse in der deutschen Dichtung : von Klopstock bis Goethe / von Adolf Goldbeck-Loewe
Entstehung
Seite
10
Einzelbild herunterladen

Silbenmasses betrachten kann. Lessing glaubt, dass sich dieses Prosaische Silbenmass« besonders zur musikalischen Komposition

eigne, und möchte»noch weiter gehen und diese freie Versart

sogar für das Drama empfehlen. Dieses»Quasi-Metrum« würde den Mittelweg zwischen Prosa und Poesie einschlagen. Der

Skribent selbst behielte dabei in der That alle Freiheit, die ihm in der Prosa zu Statten kommt, und würde Anlass finden, seinen Perioden desto symmetrischer und wohlklingender zu machen. Auch die Schauspieler wiürden hieraus Vorteile ziehen können.

§ 7. Noch eingehender und wärmer lautet das Urteil Herder's(in den»Fragmenten vgl. I, 208 11), dem Klop- stock's freie Verse grosse Aehnlichkeit»mit dem Numerus der Hebräer, so viel wir von ihm wissen, und mit dem Silbenmass der Barden« zu haben schienen. Ich wüsste nicht, ob diese glückliche Versart nicht eher die natürlichste und ursprünglichste Poesie genannt werden könnte,vin alle kleinen Teile ihrer Pe- rioden aufgelöset, deren jeden man als einen einzelnen Vers eines besonderen Silbenmasses betrachten könnte, statt dass ihn die Litteraturbriefe(III, 103) eine künstliche Prosa nannten. Ich überliess mich meinen Gedanken, und glaubte endlich, dass dies Silbenmass uns vielleicht von vielem Uebel erlösen, und viel Auf- schluss und Bequemlichkeit bringen könnte.« Doch warnt er Unberufene davor, sich so freier Verse zu bedienen; nur wahr- hafte Dichter, wie Klopstock,»der seine Gesänge in die ganze Musik unserer Sprache auflöset«, dürften von demselben Gebrauch machen. Er rühmt dann die Beweglichkeit, Schärfe und Bieg- samkeit dieses Silbenmasses, das sich besonders für»Gemälde der Einbildungskraft« eigne, da dieselben ein»gefesseltes Silben-

mass nicht ertragen« können, vohne dass sie, oder das Silbenmass

leidet.« Betrefts der Bezeichnung dieser poetischen Gattung schliesst er: Will man also Klopstock's poetische Stücke von

dieser Art auch nicht Oden nennen; am Namen liegt nichts: 80 lasset es lyrische Gemälde sein, zu denen die Griechen den Namenooc hatten.« Ebenso, wie Lessing empfieehlt Herder die freien Verse für die musikalische Komposition vvornehmlich in den Recitativen«, wo der Musikus die Harmonie des Dichters wieder zerstören muss.»Und für das Theater? Es kann sich

dieser Vers s0 prosaisch als möglich machen, und dies ist in den