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Veekor Hugo
Zu ſeinem hundertfünfundzwanzigſten Geburtstag Von Hermann Wendel
Es gibt nur eine Macht, das Gewiſſen im Dienſt der Gerechtigkeit, und nur einen Ruhm, den Genius im Dienſt der Wahrheit. Hugo.
Kein Poet iſt ſchon zu Lebzeiten ähnlich vergöttert, ja ver⸗ götzt worden wie Victor Hugo. Der Ruhm, der ſich an die Ferſen des Jünglings heftete, blieb dem Manne und dem Greiſe treu. Mit dreiundzwanzig Jahren Ritter der Ehrenlegion, mit neununddreißig als Mitglied der Akademie„unſterblich“, wurde er nicht nur als der franzöſiſche Nationaldichter gekrönt, ſondern von ſeinen Bewunderern auch über Shakeſpeare und Goethe geſtellt. Nicht allein Seifen, Pfeifen und Schnäpſe, auch das Jahrhundert trug für viele ſeinen Namen. Als er 1882 ſein achtzigſtes Wiegenfeſt beging, defilierten Hunderttauſende an ſeinem Fenſter vorbei, Hunderttauſende geleiteten ihn drei Jahre ſpäter zu Grabe, und die Feier ſeines hundertſten Ge⸗ burtstages füllte, ſtatt ſich auf den 26. Februar zu beſchränken, eine ganze Woche aus. Aber es fehlte auch nicht an der Gegenſtrophe. Wie man ihm die Eitelkeit vorhielt, mit der er allen Weihrauch gierig einſog, gleichſam auf einem Thron ſaß und ſtatt Freunden nur Untertanen zählte, ſo ſchmähte man, daß ſeine Gedanken die des Gewürzkrämers an der nächſten Ecke nicht überflügelten, ſeine Dichtung hieß man einen Tanz von Bildern um ein Nichts, und da er nacheinander mit Überzeugung Legitimiſt, Bonapartiſt, Orleaniſt und Republikaner geweſen war, wies man ihm auch einen Platz in Prosny dEppes berühmtem„Wörterbuch der politiſchen Wetterfahnen“ an.
Aber Vergötzung hin, Herabſetzung her, auch heute, einein⸗ viertel Jahrhundert nach ſeiner Geburt, erſcheint Hugo als Dichter von urwüchſig zyklopiſcher Kraft, als ſchöpferiſcher Bildner mit der Sprache, als großer Künſtler des Worts. Nicht mit Unrecht hat man ihn„das Menſch gewordene Wort“ genannt, denn er entwuchs einer Zeit, in der das Wort durch die Debatten des Konvents entkettet war und durch die Bulletins der Großen Armee Flügel bekommen hatte. Hugos Poeſie zeigte darum gleich ſeiner Proſa den erhabenen eviſchen Faltenwurf, ſchritt auf den Gipfeln des Pathos einher und ſchwelgte in den Donnern der
Rhetorik. Das Aufnahmeorgan für ſeine Verſe iſt das Ohr, nicht
das Auge, damit ſie meerhaft zu rauſchen beginnen und ihr
Wellengang uns hebt. Wenn freilich Anatole France beklagte,
daß ſich in Hugos gewaltigem Werk unter ſo vielen Monſtren nicht eine menſchliche Geſtalt finde, ſo glichen in der Tat die
Geſchöpfe des Meiſters nicht den Alltagsweſen Flauberts, ſondern, zu überirdiſcher Größe aufgereckt, trugen ſie jedesmal das Schickſal einer ganzen Generation in ihrer Bruſt zuſammen⸗ gepreßt. Sinnbilder, nicht Abbilder! Wohl war dem Dichter, an deſſen Erzählungen Doſtojewski nicht umſonſt Gefallen fand,
tiefſchürfende Pſychologie, Einfühlung in verwickelte Charak⸗
tere, Wiſſen um die unerforſchten Provinzen der Seele nicht
fremd, uch ſein eigentliches Weſen blieb das Monumentale. Er ſchrieb nicht, er baute. Er türmte Wort⸗Kathedralen auf.
Aber nicht daß Hugo ein großer, daß er ein politiſcher Dich⸗ ter im umfaſſendſten Sinne des Ausdrucks war, riß ihn zur Höhe
empor. Wenn Goethe, ihm ein„Dichter der Gleichgültigkeit“,
in ariſtokratiſcher Abſchließung einmal meinte, ſeine Sachen ſeien nicht für die Maſſen geſchrieben, ſondern für Wenige, die Ahn⸗ liches wollten und ſuchten wie er, ſtand es mit dem demokratiſchen Franzoſen gerade umgekehrt. Hugos Loſung hieß:„Die Kunſt um der Kunſt willen kann ſchön ſein, aber die Kunſt um des Fort⸗ ſchritts willen iſt noch viel ſchöner“. Nie ſaß er im Elfenbeinturm, in der Beſtarrung des eigenen Nabels Genüge zu finden, ſondern lebte in und mit ſeinem Volke. Immer ſprach er beſchwingt das aus, was einer Mehrheit der Franzoſen auf den Lippen lag, und
Ein Gordſchatz von Liebe, wenig ſichtbar bis auf ein kleines Flämmchen endiich ein Geiſterwort hebt und der Menſch den alten Reichtum ensdeckt
gt in der Bruſt, bis ihn Jean Pau
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ſtets klang ſein Wort in gebundener und ungebundener Rede, als hallte es von einer öffentlichen Tribüne in die Weite. Schon als
1830 die junge franzöſiſche Romantik, um ſein Drama„Hernani“
wie um eine Sturmfahne geſchart, ihre Schlachten ſchlug, bedeu⸗ tete das, da ſie die klaſſiſche Form ſprengte und das bisher ver⸗ pönte Ich auf den Thron hob, einen Durchbruch des Bürgertums durch die ſtändiſche Ordnung, der ſich auf der Bühne vierzig Jahre ſpäter als in der Wirklichkeit vollzog; in ſcharfer Erkenntnis deſſen verglich Hugo die Romantik in der Literatur dem Libe⸗ ralismus in der Politik.
Lehnte er ſich ſchon damals im Namen des Geiſtes gegen die Gewalt auf, indem er in der Erzählung„Der letzte Tag eines Verurteilten“ die Widerlichkeit der Todesſtrafe enthüllte, ſo rief ihn doch erſt das Jahr 1848 zu ſeiner wahren politiſchen Beſtim⸗ mung auf. Da er auf der Linken der Nationalverſammlung ſas, gehörte er zu denen, die am 2. Dezember 1851 der Staatsſtreich Louis Bonapartes ins Exil trieb. Auf einer engliſchen Inſel nahe der franzöſiſchen Küſte ſchlug er ſeine Zelte auf und be⸗ kämpfte von dort, eine Großmacht, den Abenteurer in den Tuile⸗ rien. Neben dem„Achtzehnten Brumaire“, der ganz geſchichtliche Erklärung iſt, iſt ſeine Streitſchrift„Napoleon der Kleine“ ganz ſittliche Entrüſtung; wird bei Marx alles durchſichtig und ſinn⸗ voll, ſo ſchäumt und wallt bei Hugo alles. Aber der Dichter, der trotz aller Amneſtien ſtandhaft jede Rückkehr in das entehrte Vaterland weigerte, wirkte mit dieſem Pamphlet und den Verſen, die den Mann des 2. Dezember mit Ruten, mit Geißeln, mit Skorpionen ſtrichen, mächtig auf ſeine Zeitgenoſſen; wenn die Jugend des Kaiſerreichs heimlich die„Züchtigungen“ las, glaubie ſie ſich fähig, im nächſten Augenblick die rote Fahne auf den Barri⸗ kaden zu entfalten. Nach Sedan im Triumph in die Heimat zurück⸗ geführt, erlebte Hugo die Kommune mit zerriſſenem Herzen. Auf der einen Seite, in Paris, ſah er das Recht, auf der anderen, in Verſailles, das Geſetz, aber zürnend kehrte er ſich nach dem Sieg der„Ordnung“ gegen die Rachegier eines Thiers und die Schlächtereien eines Gallifet, und er warb auch in den folgen⸗ den Jahren ohne Unterlaß ſür die Begnadigung der exilierten und deportierten Kommunards. Auch in den Dichtwerken, die in der Verbannung und nachher entſtanden, wurden die toten Buch⸗ ſtaben an den Gebäuden der dritten Republik: Freiheit! Gleich⸗
heit! Brüderlichkeit! flammender Geiſt; mit Fug rühmt Heinrich
Mann ſeinen Revolutionsroman„1793“ als„das Buch ent⸗ feſſelter Menſchheit“.
Schon 1830 nannte ſich Hugo einen Sozialiſten, 1869 feierte er auf dem Lauſanner Kongreß der„Liga für Frieden und Frei⸗ heit“ die Umarmung der Republik und des Sozialismus, und ſozialiſtiſche Empfindungen ſpielten noch auf der Stirn des hoch⸗
betagten Greiſes. Aber es war ein unbeſtimmter, rein gefühls⸗ mäßiger Sozialismus, der weit mehr mit Saint⸗Simon und Lamennais als mit Marr und Engels zu tun hatte.
Von Klaſſen und Klaſſenkampf wußte Hugo nichts und wollte er
nichts wiſſen, aber erſchütternd predigte er Erbarmen und Mit⸗
leid mit dem Hungernden, der Dirne, dem Verbrecher, dem Ga⸗
leerenſträfling, mit allen Ausgeſtoßenen der Geſellſchaft. Darüber hinaus machte er die Geſellſchaft ſelbſt verantwortlich; er zog ſie
vor die Schranken, weil ſie, ſeit zweitauſend Jahren herrſchend, ſich unſer Gut und unſer Recht aneigne, ſogar denen alles nehme, die nichts haben. das Volk den Schmarotzern überantworte und Krieg und Schafott als Ergebnis kenne; unbarmherzig riß er
die Maske von ihrem durch Zorn verzerrten Geſicht,„das Ge⸗
rechtigkeit heißt“. Den Roman„Der lachende Mann“ warf er als wuchtige Anklage gegen eine Welt hin, die aus der Hölle des
Armen das Paradies des Reichen macht, und ſein mächtiger Ro⸗ man„Die Elenden“ gilt nicht fälſchlich als„eine Art Marſeillaiſe
des Elendss.— Der Dichter, deſſen Stimme in Europa ſo weit drang wie
ſpäter nur noch die Tolſtois, kannte auch in der auswärtigen Politik nur eine Stellung: für die Unterdrückten gegen die Unter⸗
drücker. So ſchallte ſein Wort für die Griechen gegen die Türkei,


