16 Das freundliche Einladen und Bewillkommen des HErrn
Ein eintziger ſolcher Strahl, der in das Gedaͤchtniß und Gewiſſen des Menſchen hineindringet, der kan oͤffters in einem Augenblick alle Suͤnden ſeines Lebens rege machen, und ſie gleichſam von den Todten auferwecken, daß ſie da ſtehen vor ſeinen Augen, als ein geharniſchtes Krieges⸗Heer, welches ihm Todt und Verdamniß drohet. Denn wenn der Geiſt GOttes mit ſeinen llberzeugun⸗ gen ſeine Hand mit im Spiel hat, ſo fuͤhret er den Suͤnder gleich⸗
am aus einer finſteren Kammner des Hertzen in die andere, er ent⸗ decket ihm taͤglich neue Greuel, die bißher verborgen geblieben vor ſeinen Augen, er fuͤhret ihn von den unreiner Stroͤhmen zuruͤck auf die unreinen Quellen, daraus ſie gefloſſen, ſo daß ſich der Menſch alſo ſchaͤmet in ſeiner unreinen und ſchaͤndlichen Geſtalt vor den reinen Augen des heiligſten GOttes, und ſich erkennet vor eine ſchnoͤde, ſchaͤndliche und unreine Creatur, die nicht wehrt ſey, ihre Augen gen Hinunel aufzuheben, ja, die verdienet habe, daß ſie in ihrer Schande und Bloͤße oͤffentlich an Pranger geſtellet, und von allen Creaturen ins Angeſicht verſpien, beſchimpfet und proſtitui- ret werde, ja, die nicht werth ſey, daß ſie die Erde trage, und die Sonne beſcheine, ja, die werth ſey, in den innerſten Abgrund der Dollen verſtoſſen„ und der ewigen Quaal und Marter uͤbergeben zu werden.
Hieruͤber entſtehet denn nun in der Seele einklaͤgliches Schreyen und lamenriren in der Seelen; Die Seele will gern zu GOtt,allein es hindert ſie daran, die viele Suͤnde, die ſie an ſich, in ſich und neben ſich erblicket, und muß mit David aus dem Pſalm. XXXIIX, 5. 11. ausruffen und klagen: Mieine Suͤnde gehen uͤber mein Haupt/ und wie eine ſchwere Laſt/ ſind ſie mir zu ſchwer worden; Nlein Hertz bebet und meine Krafft hat mich ver⸗ laſſen/ und das Licht der Augen iſt nicht bey mir. In ſol⸗ chem Zittern und Zagen aber, da die Seele gleichſaͤm mit der Ver⸗ zweiftung ringet, rufet ihr JEſus, der gute Hirte, kraͤfftig zu: Sey getroſt, du armes Schaf, denn ich will dich verbinden/
ich will deiner warten und pflegen/ ich will dich aus dei⸗ nem


