Druckschrift 
Chirurgische Anatomie und Operationslehre für Thierärzte / von Dr. E.F. Gurlt und Dr. C.H. Hertwig, Professoren an der Königlichen Thierarzneischule zu Berlin
Entstehung
Seite
200
Einzelbild herunterladen

200

Druck von der der Operation entgegengesetzten Seite mehr hervor, oder lasse dies von einem Gehülfen thun. Dann steche man das in der rechten Hand gehaltene Instrument(eine schmale Lanzette, ein schmales Bistouri oder den bezeichneten Troikar) an der Seite, von wo- her die Haut verschoben worden ist, in die Galle so tief ein, daſs die Flüssigkeit derselben zum Vorscheine kommt. Der Einstich muſs nicht gerade an der Spitze, sondern er kann noch besser an einem Seitenrande der Galle geschehen; dabei muſs man die etwa neben ihr liegenden Gefäfse und Nerven und die in ihr liegende Sehne berücksichtigen und deshalb die Schneiden der Instrumente nach der Längenrichtung dieser Theile hal- ten. Auſserdem muſs der Einstich schnell beendet und das Messer oder die Lanzette sogleich wieder zurück- gezogen sein, damit bei etwa entstehender Unruhe des Thieres die Wunde nicht unnütz vergröſsert werde. Die Haut hält man nach dem Einstich noch so über die Galle verschoben wie vorher, bis die Flüssigkeit aus der letz- tern vollständig entleert ist, und diese Ausleerung be- fördert man durch gelindes Drücken und Streichen mit den Fingern nach der Oeffnung zu. Ist dies genügend geschehen, so läſst man die Haut wieder in ihre frühere Lage zurückgleiten, so daſs hierdurch die Wunde der Galle von ihr bedeckt und der Zutritt der Luft abge- halten wird. Hatte man die Oeffnung mit dem Troi- kar gemacht, so versteht es sich von selbst, dafs man nach dem Einstechen desselben die Böhre festhält, das Stilet entfernt, die Flüssigkeit durch jene entleert, dann die Röhre auszieht und nun die verschobene Haut in ihre vorige Lage bringt.

Eine Modifikation dieses Verfahrens besteht darin: daſs man mittelst eines spitzen, schmalen und gehörig langen Tenotoms die Haut in der Entfernung von etwa 1 ½ Zoll von der Galle durchsticht, das Messer flach unter der Haut bis zu der letztern vorwärts schiebt, die- selbe ansticht, sie also subcutan öffnet und dann das Hierauf drückt und streicht man die Flüssigkeit aus der Galle.

Messer sogleich wieder zurückzieht.

Nach dem einen wie nach dem andern Verfahren kann man entweder sogleich die Kantharidensalbe ein- reiben und dies nach etwa 6 Tagen wiederholen, wie ich es in mehreren Fällen mit dem besten Erfolge ge- than habe, oder man kann ebeunfalls sogleich auf die Galle eine Compresse legen, mit einer Binde die Glied- maaſse von der Krone des Hufes bis zum Fuſswurzel- gelenk gleichmäſsig einwickeln und dann fleiſsig mit Bleiwasser kühlen, bis die Gefahr einer Entzündung vorüber ist. Ruhe und magere Diät sind auch hier we- sentlich nöthig.

2. Das Eröffnen der Sehnengallen durch einen offenen Schnitt erscheint zwar, wie oben (§. 176.) angedeutet, im Allgemeinen wenig empfeh- lenswerth, doch hält Röttger es bei denjenigen Gallen für zweckmäfsig, welche auf der vordern Fläche des Fesselgelenks zu beiden Seiten der Strecksehne des Kronen- und Hufbeins zum Vorschein kommen und au- ſserhalb der Gelenkkapsel ihren Sitz in der Sehnen-

scheide haben. Nach ihm wird das Pferd niedergelegt und zu beiden Seiten der genannten Sehne ein so lan- ger Einschnitt gemacht, daſs man zwischen sie und dem Fesselgelenke den Zeigefinger bequem durchführen kann. Man eutleere dann mit letzterem die in der Galle ent- haltene Feuchtigkeit und die, häufig vorhandene coagu- lirte eiweisartige Substanz, welche letztere sich beson- ders, bei alten und oft mit reizenden Einreibungen be- handelten Gallen vorfindet. einem milden fetten Oel befeuchteten Wergbausch unter

Hierauf soll man einen, mit

die Sehne und einen lockeren Verband darüber legen. Letzterer bleibt 4 5 Tage liegen, und es werden da- bei fleifsig lauwarme Bäder applizirt, um so schnell als möglich gute Eiterung herbeizuführen. Mit dem Eintritt derselben, gewöhnlich bis zum 6ten Tage, ist alle Ge- fahr überstanden; die Wunden heilen in etwa 5 Wo- chen bei einer zweckmäſsigen Behandlung und die etwa zurückbleibende Anschwellung des Schenkels verliert sich bei Bewegung des Thieres nach und nach von selbst. 3) Das Eröffnen der Gallen mnit gleichzei- tigem Durchziehen eines Eiterbandes durch dieselben soll den Zweck haben: die in der Galle enthaltene Flüssigkeit langsam in dem Verhältniſs zu entleeren, wie die Zusammenziehung der Wände der Galle allmälig statt findet, und zugleich will man durch andauernde Reizung die Contraktilität und die Resorption in den letztern mehr anregen. Demgemälſs ziehet man, nachdem das Thier gehörig befestiget worden, mit den Fingern der linken Hand die Haut auf der Galle von unten nach oben(das Pferd stebend gedacht) über die- selbe und durchsticht dann in entgegengesetzter Rich- tung die Haut und die Galle an der Grundfläche der letztern, und zwar in der Mittellinie mit einer gewöhn- lichen krummen, etwa 1 ¼ Linie breiten Heftnadel, in de- ren Oehr 4 6 Seidenfäden gefädelt sind, ziehet diese durch die Galle und bindet die Enden der Fäden so zu- sammen, daſs man hernach zwei Queerfinger zwischen die Galle und die Fäden stecken kann. Oder man durchsticht die Galle genau in derselben Richtung mit einem Troikar so, daſs das eine Ende der Hülse über, das andere unter der Galle aus der Haut hervorsteht. Nachdem das Stilet entfernt ist, ziehet man durch die Hülse 4 6 Zwirn- oder Seidenfäden, hält diese an

dem einen Ende fest, während man nach entgegenge- setzter Seite die Hülse von ihnen ziehet, und bindet dann ihre Enden so zusammen, wie es vorhin angege- ben worden ist. Die Operation ist damit beendet.

Tre- ten nur mäſsige Entzündungszufälle ein, so ist auſser der Reinigung des Fuſses von der ausgesickerten und vertrockneten Feuchtigkeit nichts zu thun; bei heftiger Entzündung sind lauwarme Fuſsbäder oder Waschun- gen von Pottasche und Einreibungen von grauer Salbe nöthig. Nach etwa 4 Tagen wird ein Faden, nach 6 Tagen der zweite, u. s. w. alle 2 Tage ein Faden

Das Pferd erhält Ruhe und mageres Futter.

entfernt. Später sind Einwickelungen des Theils mit einer Binde, aromatische und spirituöse Mittel, zuletzt

scharfe Einreibungen zweckmäſsig.

XLVIII.