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Chirurgische Anatomie und Operationslehre für Thierärzte / von Dr. E.F. Gurlt und Dr. C.H. Hertwig, Professoren an der Königlichen Thierarzneischule zu Berlin
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WIIl. Der Hufknorpelschnitt, die Eæstirpation des Hufbein knorpels, die Javart-Operation.

§. 178.

Die Exstirpation eines Hufknorpels bei Pferden fin- det bei cariöser Ulzeration dieses Knorpels oder bei der sogenannten Knorpelfistel statt, um das Geschwür auf eine sichere Weise und möglichst schnell zur Heilung zu bringen, wenn dies durch andere Mittel nicht erreicht werden kann. Die Operation ist also gewöhnlich das letzte Mittel, zu welchem man greift, nachdem das Ge-

schwür bereits längere Zeit gedauert hat, und wohl mit

Recht so; denn obgleich mit Entfernung des Knorpels auch nothwendig die cariöse Ulzeration an ihm wegfällt, so ist doch damit noch nicht immer die gründliche Heilung des Hufgeschwürs in kurzer Zeit bewirkt, da sehr oft mit dem Leiden des Kunorpels zugleich auch Brüche und Caries des Hufbeins, Ulzeration der Bänder, Senkungen des Eiters unter die Fleischwand, u. a. pathologische Zustände bestehen, und auch nach jener Operation noch fortdauern. In solchen complizirten Fällen wird aber auch durch kein anderes Mittel die Heilung des Uebels herbeigeführt, wohl aber durch die Operation die Mög- lichkeit zu derselben vorbereitet. Ich halte daher die Operation gerade bei diesen Complikationen für durch- aus nothwendig, während sie dies bei den einfachen Knorpelfisteln nicht ist; denn letztere können, wie dies unzählige Beobachtungen lehren, in den meisten Fällen auch durch das Brenneisen, den Aetz-Sublimat, Kupfer- vitriol u. dgl. Mittel geheilt werden, ja sie heilen, wie dies G. W. Schrader zuerst mit Bestimmtheit ausge- sprochen hat(Busch, teutsche Zeitschr. f. d. gesammte Thierheilk. Bd. I. Hft. 1. S. 21), nach einer gewissen Zeit eben so oft von selbst. Dies geschieht mebren- theils zwischen 5 und 7 Monaten. Da man nun ge- wöhnlich in den ersten Monaten lieber andere Mittel an- wendet, bei welchen das Pferd noch gehen kann, die Operation aber selbst in sehr glücklichen Fällen die Thiere auf eine Zeit von wenigstens vier Wochen, oft über S Wochen aufser Thätigkeit setzt: so ergiebt sich, dafs unter solchen Umständen durch die operative Be- handlung an Zeit wenig gewonnen wird. Man würde also durch die recht früh unternommene Operation die- sen Vortheil noch am meisten erreichen; es entsteht aber hiergegen immer das Bedenken:) daſs die Operation eine der schmerzhaftesten ist; 5) daſs nach ihr sehr häufig eine unregelmäſsige Horn- und Hufbildung, oft auch eine Verengerung des Hufes statt findet, in Folge dessen(abgesehen von der Häſslichkeit des Hufes) die Pferde weder gehõrig beschlagen noch zu anstrengen- der Arbeit benutzt werden können. Manche bleiben nach der Operation lahm für immer. Diese Umstände zusammen bedingen es, daſs umsichtige und erfahrene Thierärzte die Exstirpation des Hufknorpels bei weitem nicht so häufig unternehmen, wie sich die Gelegenheit hierzu in den Knorpelſisteln findet. §. 179.

Die Exstirpation des Hufknorpels ist um die Mitte des vorigen Jahrhunderts von Lafosse d. V. erfunden und in der Art ausgeführt worden, daſs er, um zu dem

Knorpel zu gelangen, einen Theil der Fersenwand und die Fleischkrone wegnahm und dann den gauzen Knor- pel wegschnitt ¹). Sein Sohn nahm von der vorher dünn geraspelten Hornwand nur einen Zoll breit unter der Krone fort, schnitt aber ebenfalls die Fleischkrone mit fort*). Frenzel ¹), Schreger*), Pilger) und Langenbacher) geben nur eine unvollständige Beschreibung der Operation, und zwar gröſstentheils nach der Idee von Lafosse. Girard), Renault 3) und überhaupt die neuern französischen Thierärate üben, mit Rücksicht darauf: daſs die Fleischkrone das Organ ist, von welchem die regelmäſsige Erzeugung der Horu- fasern ausgeht, die Operation jetzt so aus; daſs die Fersen- oder Trachtenwand auf der Seite des kranken Knorpels weggenommen, die Fleischwand queer durch- schnitten, die Fleischkrone in die Höhe gehoben, der ganze Knorpel von seinen Verbindungen mit den be- nachbarten Theilen gelöst und entferut wird. Diete- richs) gab zwei Verfahrungsweisen an und zwar: à) die erste ähulich der von Lafosse d. S. beschrie- benen, wo nur der obere Theil der Wand unter dem kranken Knorpel in einem halbmondformigen Stück weg- genommen und dann die entartete Haut nebst der Krone und dem Kunorpel herausgeschnitten werden; und 5) die zweite so: daſs man die Trachtenwand, einen Theil der Seitenwand des Hufes und dann den Knorpel (ganz oder theilweis) wegnimmt, dabei aber die den Knorpel bedeckende Haut schont.

Später haben Maillet ½) und Imlin u¹¹) ein von dem Erstern angewendetes Verfahren bekannt gemacht, welches zwar von Bernard als ihm gehörig rekla- mirt*³), aber jedeufalls von Maillet modifizirt worden ist. Dasselbe besteht im Wesentlichen darin: daſs die Trachtenwand nicht von der Fleischwand abgerissen, sondern nur möglichst verdünnt wird, mit Ausnahme eines Zoll breiten Streifens am Saumrande. Letzteren läſst man in seiner ursprünglichen Dicke stehen, damit er beim Wegnehmen nicht abreiſse. Nach der Abnahme dieses Hornstreifens macht man einen Querschnitt durch die Weichtheile unter der Krone, löset diese und die Haut vom Kunorpel und entfernt denselben.

Schwab und Rychner ¹¹) haben das eben be- zeichnete Verfahren dahin abgeändert, dafs sie von der ¹) Obserrations et découvertes faites sur des chevaux. Paris 1754,

p. 33.(Deutsch in Schrebers versch. Schriften, welche in d. öko- nom. Wissensch. einschlagen. Th. 4. S. 268. Halle 1758.

²) Cours d'hippiatrique. Paris 1772. p. 291.

³) Praktisches Handbuch für Thierärzte u. s. w. 2r Theil, Artikel Knorpelfistel.

¹⁴) Operationslehre für Thierärzte. S. 278.

) Systemat. Handbuch der Thierheilkunde. II.§. 2248. ) Unterricht über das Beschläge. Wien, 1811. S. 172. *) Traité du pied. Paris 1813. II. Edition. 1828.

³) Traité du J avart cartilagineux. Paris 1831.

*) Handbuch der Veterinär-Chirurgie. Berl. 1822. Und eben so in der Akiurgie.

¹⁰) Recueil de médec. vétérin. 1836. p. 505 u. 561. ¹1¹) Magazin für die gesammte Thierheilk. II. 265.

¹²) Journ. des Vétérinaires du Midi, 1838. Juillet; und vorher: Re- cueil de Médec. vétérin. 1825. p. 113.

¹²³) Hippiatrik, I. S. 296. 51