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Chirurgische Anatomie und Operationslehre für Thierärzte / von Dr. E.F. Gurlt und Dr. C.H. Hertwig, Professoren an der Königlichen Thierarzneischule zu Berlin
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Nach dem Durchschneiden ergreift man, indem man sich mit dem linken Ellbogen auf die linke Seite der Croupe stützt, mit der linken Hand die Schweifrübe von oben her, beugt ihre wunde Spitze ein wenig gegen sich und berührt die Wundfläche mit dem glühenden Brenn- eisen, welches man mit der rechten Hand führt, so lange, bis ein Schorf entstanden ist. Nun löset man das Band von der Schweifrübe und den Haaren ab und sieht zu, ob die Blutung gänzlich gestillt ist; sollte dies nicht der Fall sein, so berührt man die blutenden Arterien noch wiederholt, bis der Zweck erreicht ist.

Eine besondere Nachbehandlung ist gewöhnlich nicht erforderlich. Wenn jedoch die Entzündung sehr heftig werden sollte, ist es zweckmäſsig, die Schweifrübe mittelst Schnuren über Rollen in die Höhe zu halten, um die passiven Blutanhäufungen zu vermindern, welche bei dem Herunterhängen der wunden Schweifspitze ent- stehen. Auſserdem sind lauwarme Bähungen von schlei- migen Mitteln und Einreibungen der grauen Merkmurial- salbe nützlich. Wenn später das Knochenstück in der Wunde locker wird, kann man es mit der Pinzette et-

was früher lösen, als es von selbst herausfallen würde.

§. 113.

Bei und nach dem Schweif kerben und dem Coupiren können mehrere üble Zufälle entstehen, von denen fol- gende die wichtigsten sind:

1) Nachblutungen. Sie ereignen sich am häu- figsten nach dem offenen Durchschneiden der Niederzie- her und besonders wenn entweder die betroffenen Arte- rien nur angeschnitten sind, oder wenn die Tampons zu locker gewickelt oder nicht in den Grund der Wunden und auf die gehörige Stelle gelegt, oder die Binde nicht gehörig fest zugezogen oder das Stroh unter ihr zu

eilig und zu heftig entfernt worden ist,— wenn die

Thiere sich unruhig benehmen und heflig ruckweis das Kreuz oder den Schweif nach unten ziehen,— was besonders bei Koth- und Urinentleerungen zu gesche- hen pflegt. Fast immer ist ein besseres Verbinden, ein gelindes Nachziehen der Binde, Aussetzen des Stroh- ausziehens während einer Stunde, und Beruhigung der Thiere durch dargereichtes Futter genügend, um die Blutstillung zu hbewirken. Fruchten jedoch diese Mittel nicht, und hat man Verdacht, dafs ein unvollständiges Durchschneiden der Gefäſse Schuld an der wiederkeh-

renden Blutung ist, so läfst man(nach gutem Verbande) entweder das Gewicht am hintern Ende der Rollen-

schnur so leicht machen, daſs der Schweif nicht völlig horizontal in die Höhe gehoben wird, sondern in einer schiefen Richtung gegen die Erde herabhängt, oder man lälst ihn während 1— 2 Stunden ganz frei herunter- hängen und bindet ihn dann in der eben bezeichneten Weise an die Rollenschnur. Die Blutung steht hier- nach gewöhnlich bald, und man wird uur äuſserst sel- ten nöthig haben, das von Diete richs empfohlene nachträgliche Durchschneiden, oder das Umstechen und Unterbinden, oder die Torsion der Gefäſse auszufüh- ren; nur im äufsersten Nothfalle sind diese Hülfsmittel zu wählen.— Findet sich eine Blutung in der Zeit, wo bereits Entzündung und Anschwellung der Schweif-

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rübe eingetreten ist, so darf der Verband nur mälsig fest und stets mit neu und reichlich unter die Binde ge- legtem Stroh ausgeführt werden.

2) Brüche des Schweifs, gewöhnlich in Ver- renkungen der Schweifwirbel, selten im Zerbrechen der- selben begründet,— entstehen entweder während des Durchschneidens der Niederzieher, oder in späterer

Zeit, während der Schweif noch in den Rollen hängt.

Im ersteren Falle ist ein zu starkes Ueberbiegen der Schweifrübe nach rückwärts, wenn bereits die Nieder- zieher durchschnitten sind und somit die Wirbelgelenke an einer Stelle ihren äufsern Schutz verloren haben, noch mehr aber wenn selbst die Bänder angeschnitten sind, die Ursache zu dem Schweifbrechen, und Unge- schicklichkeit des Gehülfen oder zu heftige Bewegun- gen des Pferdes geben hierzu die Veranlassung; in der spätern Zeit eutsteht dieser Zufall zuweilen, wenn die Pferde den Schweif an Gegenständen grob reiben, oder wenn man denselben zu stark über eine Strohrolle beugt, zuweilen auch bei Eiterung und Brand.— Die Erken- nung dieser Brüche ist nicht immer leicht und deshalb sind dieselben oft übersehen worden. Man bemerkt eine kleine Erhöhung an der betreffenden Stelle des Schweifs, mehr durch das Gefühl als durch das Ansehen; die Be- weglichkeit daselbst ist gewöhnlich vermehrt, so dals man oft den Schweif in einem stumpfen Winkel beugen kann und er beim stehenden Pferde von der Stelle an herunterhängt oder zur Seite gebogen ist; zuweilen ist aber entgegengesetzt die Stelle steif, und fast immer zeigt das Thier Schmerz an derselben.— In den mei-

sten Fällen erfolgt Heilung, und zwar oft mit fester

Verwachsung zweier oder dreier Wirbel, so daſs der Schweif hiernach an dieser Stelle steif gehalten wird, und wenn er während der Heilungszeit verkrümmt war,

bleibt er für immer so; zuweilen bilden sich falsche Ge-

lenke und es bleibt eine abnorme Beweglichkeit zurück; in den üblern Fällen aber entsteht Eiterung, eine so-

genannte Schweiffistel, oder selbst Brand.— Um die

Heilung zu bewirken, richtet man durch Ausdehnen der Schweifrübe in gerader Richtung mit dem Kreuz und durch gelindes Drücken gegen den ausgewichenen Wir- bel den letztern wieder ein, hält den Schweif für die Zeit der Heilung mittelst der Schnur stets in hori- zontaler Richtung und läfst deshalb das Pferd in den ersten 3 Tagen nicht niederlegen. Auch kann man, mit Freilassung der Wunde, einen Schienenverband anlegen.

3) Heftige Entzündung und Anschwellung der Schweifrübe. Die erstere giebt sich durch die gewöh nlichen Entzündungs-Symptome in den ersten 3 bis 4 Tagen nach dem Kerben zu erkennen und führt zuweilen zum kalten Brande; wenn aber der starke Glanz der Haut verschwindet, letztere dagegen mit Staub ähnlichen Schuppen der Oberhaut bedeckt er- scheint, hat man den Brand nicht mehr zu fürchten. Ursachen einer ungewöhnlich heftigen Entzündung sind, auſser einer besondern Disposition des Körpers: zu nahe an einander liegende Schnitte, Auschneiden der Bein- haut, zu festes Verbinden, zu späte Abnahme des er- sten Verbandes, zu spätes Aufhängen des Schweifs in

die Rollen oder zu gewaltsames Ueberbeugen nach dem 41