Druckschrift 
Nachrichten über Leben und Schriften des Herrn Geheimraths Dr. Karl Ernst von Baer : veröffentlicht bei Gelegenheit seines fünfzigjährigen Doctor-Jubiläums am 29. August 1864 von der Ritterschaft Ehstland, mitgetheilt von ihm selbst / Karl Ernst von Baer
Entstehung
Seite
497
Einzelbild herunterladen

Wir

497

alle seine Pläne aufzugeben und dagegen nach Ungarn zurückzukehren. Das wies Reguly mit Entschiedenheit zurück, dagegen bemühte er sich, eine Anstellung im Russischen Staatsdienst zu erhalten, die ihm die Ge- legenheit verschaffen könnte, nach dem Ural versendet zu werden. Dieses Unternehmen schien mir sehr gewagt, denn alle solche Verheissungen pflegen sich als nichtig zu erweisen, sobald der C hef gewechselt wird, wenn sie auch noch so aufrichtig gemeint waren. Ich sprach meine Be sorgnisse gegen unsern würdigen Frähn aus.„Sollten wir ihn nicht mit unsern Privat-Mittelm reisen lassen können?“ sagte Frähn.„Ich gebe so viel..“ Ich setzte dieselbe Summe von meiner Seite aus. Es traten noch einige hinzu mit Beisteuern. Die Summe war nicht gross, doch weiss ich sie nicht anzugeben, da man hier über dergleichen nicht Buch zu führen pffegt. Sie war aber ausreichend, um mit ihr bis zu den Wogulen zu kommen und einige Zeit bei ihnen zu verwolle n. Unser Gedanke war, dass Reguly vor allen Dingen die schon öffentlich angekündigte Absicht, zu den Ostfinnen zu reisen, ausführen müsse, um den Ernst seines Unterne hmens und seine Ausdauer im Vaterlande zu documentiren, dass er dann aber, bevor er wieder neue Aufgaben verfolgte, umzukehren habe, und gut thun würde, wenn sich die Mittel fänden, irgendwo in Deutschland zuvörderst ver- gleichende Sprachkunde anhaltend zu tre eiben und dann erst neue Aufgaben zu wählen. Seinem entschiedenen Talent für Sprachen und seinem glühen- den Eifer fehlte, nach dem Urtheile der Kenner, die gründliche Ausbildung. Mit diesen Mitteln ausgerüstet reiste Reguly im Spätherbste 1843 ab und plieb den Winter hindurch bei den Wogulen. Anfangs sehr heiter, später aber von Besorgnissen wegen der Zukunft gedrückt(S. 244— 250 der Bei- träge). Da erschienen im Jahr 1844 1000 fl. C. Münze vom Kaiser von Oesterreich, die den Sorgen ein Ende machten. Man kann sich aber den- ken, welch einen unangenehmen Eindruck es hier machte, wo man Reguly in Erwartungen sich verzehren sah, als man schon im Jahr 1843 in der Allg. Zeitung las, Reguly sey mit Unterstützung der Magyar. Akademie auf der Reise nach dem Ural begriffen, und als gar im folgenden Jahre der oben mitgetheilte Zeitungs-Artikel der Magyarischen Selbstüberhebung den dunkeln Untergrund eines recht exquisiten Russen-Hasses gab. Ich kann nicht begreifen, was mit solchen Expectorationen erreicht werden sollte. Gutes doch gewiss nicht. Man erlaube mir noch zwei kleine Inter- mezzos zu erzählen, um anschaulich zu machen, dass doch nicht alle Russen Cannibalen sind— und es auch nicht gegen Reguly waren.— Es war im Jahr 1842, als ich den Ungarischen Reisenden, der mich häufig zu besuchen pflegte, einige Wochen nicht gesehen hatte. Da ich nun Erkundigungen einzog, erfuhr ich, er sey umgezogen, jetzt gehe aber das Gerücht, dass er schwer erkrankt danieder liege. Ich musste ihn aufsuchen, um zu sehen, ob nicht Hülfe zu leisten sey. Ich konnte aber nur den Stadttheil der neuen Wohnung erfahren, nicht das Haus und nicht einmal die Strasse. Ich fuhr in diesen Stadttheil, aber hier musste das Suchen angehen. Ich besah mir die einzelnen Miethkutscher, die ich mit ihren Droschken traf, und da ich einen unter ihnen fand, dessen stark bärtiges Gesicht viele Biederkeit aus- 32

———y———IöII“—