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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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heit und Gerechtigkeit meiner Sache, der mich immer geleitet, der mir auf jeder Tribüne die Worte in den Mund gelegt, in jedem Zeitungsartikel die Feder geführt und zuletzt in Baden die Waffe in die Hand gedrückt hat. Ich darf ehrlich jene Worte Börne's von mir wiederholen:Was ich immer geſagt, ich glaubte es. Was ich geſchrieben, wurde mir von meinem Herzen vorgeſagt, ich mußte.

Und nun, ſo frage ich zum Schluſſe mit offener Stirne: Wer iſt in dieſem Saale, der Angeſichts jener notoriſchen Umſtände und no⸗ toriſchen Beweggründe, die Hand aufs Herz, von mir ſagen kann: ich ſei ein Verbrecher, einer jener Verbrecher, die von der alt⸗ heſſiſchen Juſtiz eines Georgi und Nöllner den Vatermördern gleich geſtellt werden, ein böswilliger Feind des öffentlichen Friedens und der öffentlichen Wohlfahrt, der es verdient, zur Genugthuung für das beleidigte Rechtsgefühl der Geſellſchaft zu der Strafe des bürgerlichen Todes in dem Bazar des Zuchthauſes verurtheilt zu werden?! Ein Verbrecher! Ja, wenn ich ein Verbrecher bin, dann iſt, wie Viktor Hugo ſagt, die Wahrheit eine Demagogie, die Ver⸗ nunft eine Rothe, und die Worte: Freiheit, Einheit und Größe des Vaterlandes, bei deren Klang in beſſren Tagen unſre Herzen höher ſchlugen, ſind nur Hirngeſpinſte, nur die Sprache der Anarchiſten und Wühler geweſen! Gehen Sie hin nach der Brigittenau und vor die Thore von Mannheim, wo das Blut eines Blum und Trützſch⸗ ler kaum unter dem Raſen vertrocknet iſt, gehen Sie hin in die Zelle von Spandau, wo ein Kinkel in der grauen Züchtlingsjacke an der Wollſpuhle ſitzt, gehen Sie hin in das Ausland, wo die beſten Männer der Nation als Verbannte verkommen und dann ſchel⸗ ten Sie mich einen Verbrecher wie ſie: ich werde ſtolz darauf ſein, ihnen beigeſellt zu werden! Gehen Sie hin durch alle ehedem von begeiſtertem Volksjubel wiedertönenden Gauen unſres armen Vater⸗ landes, wo die Freudenfeuer der nationalen Wiedergeburt ehedem auf allen Höhen loderten und ſehen Sie, wie heute das alte Schweigen des Todes auf ihnen ruht, nur unterbrochen von leiſen Seufzern der Scham und der Erbitterung, von den Gewehrſalven der Standrechtsexekutionen und von dem monotonen Geräuſche der Kerkerthüren! Gehen Sie hin nach Frankfurt in die verödeten Hallen der Paulskirche, dieſes Mauſoleums der deutſchen Nationalſouverä⸗ nität, deren Sitze verwaiſt und deren ſchwarz⸗roth⸗goldne Embleme verblichen ſind, und wenn Sie dort das ſchlummernde Echo jener begeiſterten Worte wachgerufen haben, die dereinſt von ihrer Tri⸗ büne herab durch alle Herzen tönten, dann treten Sie in den rothen Pallaſt der Eſchenheimergaſſe, dieſe deutſche Baſtille, die man in den Märztagen niederzureißen vergaß, wo der alte fluchbeladene Bundestag unter dem Heroldsrufe eines Blittersdorf ſeine vermoder⸗ ten Seſſel wieder einnimmt, nach dem Spruche jenes Jeſuiten: wie Hunde hat man uns verjagt, wie Wölfe kehren