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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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wir zurück, und wie Adlerwerden wiruns verjüngen! Gehen Sie hin nach Sachſen und nach unſerm Nachbarlande Kur⸗ heſſen ich brauche Ihnen die dortigen Zuſtände nicht näher zu bezeichnen, denn ſie ſind in Aller Mund! Gehen ſie hin an die ruſ⸗ ſiſche Grenze, wo die Koſacken bereit ſtehen, uns gleich den Ungarn zur Aufrechthaltung der Verträge der heiligen Allianz von 1815 die Ukaſe ihres weißen Czaren an der Spitze ihrer Lanzen zu ok⸗ trohiren! Gehen Sie hin nach Schleswig⸗Holſtein*) wo man trotz feierlicher Verheißungen einen deutſchen Bruderſtamm im Kampfe für ſein heiliges Recht gegen die Willkür eines kleinen Inſelkönigs vor unſern Augen hülflos verbluten, ja von der Diplomatie des Auslandes protokollariſch verſchachern läßt, während wir, ein Volk von 40 Millionen, mit einer theuer bezahlten Flotte und einer theuer bezahlten Armee, Nichts für unſre eigene Sache haben und ha⸗ ben dürfen, als ſtille Gebete, etliche Thaler und ein Bün⸗ del Charpie! Kurz, ſchauen Sie um ſich nach allen Seiten, nach Oſt, Weſt, Süd und Nord, von dieſer kleinen Reſidenz Darmſtadt an bis nach Petersburg, London und Paris, wo die Herren Neſſel⸗ rode, Palmerſton und ein Louis Napoleon der deutſchen Nation Geſetze diktiren: und dann, wenn Sie all das Elend und alle die Schmach unſeres abermals um ſein feierlich verheißenes Recht be⸗ trogenen Vaterlandes mit der brennenden Röthe bitterer Scham auf Ihren Wangen überblickt haben dann nennen Sie mich einen Verbrecher, weil ich in den Tagen der letzten Bewegung, deren Erinnerung ſchon ſich faſt zu einem Traume verflüchtigt hat, mit Wort und That danach geſtrebt habe, mein heſſiſches und deutſches Vaterland vor all dieſem Elend und all dieſer Schmach, die ich voraus ſah, und voraus ſagte, noch bei Zeiten bewahren zu hel⸗ fen! Dann ſchicken Sie mich dafür ins Correktions⸗ oder Zuchthaus, und machen Sie zugleich Herrn du Thil Ihre Aufwartung im Na⸗ men des heſſiſchen Volkes, mit der unterthänigſten Bitte um ſeine Verzeihung für unſre bisherige Rebellion und um gnädige Wie⸗.. dereinnahme ſeines eigentlich nur vikarirten Miniſterſtuhls! Denn wenn Sie mich jetzt nach den Paragraphen dieſes St.⸗G.⸗B's ver⸗ urtheilen, ſo verurtheilen Sie mich nach den verrotteten Satzungen des du Thil'ſchen Polizeiſtaats, und wenn man das Werk aner⸗ kennt, warum ſoll man den Meiſter verläugnen?

*) Hier wurde der Redner durch den Aſſiſen⸗Präſidenten unterbrochen mit der Bemerkung, daßdies nicht zur Sache gehöre, daßin ſolcher Weiſe nicht weiter fortgeſprochen werden dürfe u. ſ. w., er ſah ſich dadurch gend⸗ thigt, auf das Wort zu verzichten. Wir fügen einfach den auf dieſe Weiſe un⸗ terdrückten Schluß bei..