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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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ich darum ein Verbrecher, weil mir noch jener nüchtern zweifelnde Blick des enttäuſchten Alters fehlte, das zu allem bedenklich den Kopf ſchüttelt? weil ich die Dinge noch nahm wie ſie von Rechts⸗ wegen ſein ſollten, und nicht wie ſie, leider Gottes! in Wirklich⸗ keit ſind? Sagt meinetwegen, ich habe jugendliche Fehler began⸗ gen ich will dieſen Vorwurf hier gar nicht einmal näher beleuch⸗ ten. Aber Fehler und Irrthümer haben ſich in jenen Tagen der Revolution alle Parteien zu Schulden kommen laſſen. Die Herrn Miniſter und Staatsweiſen von der breiteſten Baſis ſowohl, als wir jungen Parteigänger der Demokratie, die Männer von Gotha, wie die von Stuttgart glücklich die, welche ſich wenigſtens keine Schlechtigkeiten vorzuwerfen haben, keinen Meineid und Verrath an ihren eignen Schwüren und Verheißungen fuͤr das Recht und die Freiheit des Volkes!

Wenn mir wirklich in meiner damaligen politiſchen Thätigkeit et⸗ liche Fehler und Uebereilungen zur Laſt fallen ſollten, ſo frage ich euch, ob ich dieſelben nicht etwa mehr als hinreichend abgebüßt habe durch zwei lange Jahre in der Gefängnißhaft, deren bittre Entäuſchungen meine Illuſionen zerſtört, meknen Geiſt niedergedrückt und alle meine Hoffnungen für die Zukunft auf lange Zeit gelähmt haben? Blickt über die franzöſiſche und Schweizergrenze, betrachtet das Leben eines Flüchtlings, gehetzt von der fremden und der teutſchen Polizei, ge⸗ trennt von ſeinen Freunden, ſeiner Familie und ſeiner Heimath, nackt wie ein Schiffbrüchiger an den unwirthlichen Strand der Fremde geworfen, verkommend in gezwungener Unthätigkeit, und all dem kleinlichen entmuthigenden Jammer des Exils ich habe dieſes Leben über ein Jahr lang unſtät hingeſchleppt. Blickt in die einſame Zelle des Gefängniſſes, ermeßt die Tantalus⸗ qual eines an geſelligen Verkehr und Freiheit gewöhnten jungen Mannes, deſſen Kerkerthüre ſelbſt längſt nach beendigter Unterſuchung ſich immer noch nicht öffnen will, ſondern trotz ungeduldigem Harren und wiederholten Beſchwerden von einem Termine auf den andern verſchloſſen bleibt, und dem der letzte Reſt ſeiner mühſam erhaltenen Reſignation noch erſchöpft wird durch unerwartetes Mißgeſchick ſeiner von ihm abgeſperrten Familie ich habe dieſe Qual 10 Monate lang ertragen müſſen! Und dann, wenn ihr alle die unſäglichen Leiden dieſer zwei Jahre nur oberflächlich zuſammengerechnet habt ich ſage oberflächlich, denn man muß ſelbſt ein Gefangner geweſen ſein, um das Niederdrückende dieſes wahrhaftig nicht mit Unrecht ſ. g. Märtyrerthums ganz zu wür⸗ digen: dann verurtheilt mich noch obendrein zu Corektions⸗ und Zuchthaus, wenn ihr es auch zu verantworten vermögt, zur Wollſpuhle und zur grauen Jacke, zum bürgerlichen Tode und zur entehrenden Genoſſenſchaft von Dieben, Fälſchern und Mördern, weil ich ehedem, im Jahre 1848, unter dem unmittelbaren Eindrucke der noch nicht vollendeten revolutionären Märzbewegung, getrieben