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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
Seite
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der Kammer in dem Papierkorb begraben liegen geblieben. Die heſ⸗ ſiſche Regierung in dem Wiederbeſitze ihrer früheren Gewalt, hat es uneingedenk des alten Spruches:vergebet ſo wird euch vergeben verſchmäht, dieſen Schleier der Vergeſſenheit, deſſen ſie doch ſelbſt dem Volke gegenüber für die Nichterfüllung ihrer eignen Ver⸗ ſprechungen bedurft hätte, über die politiſchen Bewegungen der letzten zwei Jahre zu werfen, und es iſt nun Ihre heilige Aufgabe, meine H. G., dieſe Unterlaſſung der Regierung durch ihr Urtheil gut zu machen. Jede der beiden Parteien, die ſich der Haupturſache nach heute noch in unſerm Staate gegenüber ſtehen, hat mehr oder minder die im Anfang geſteckte Grenze verlaſſen: die Regierung iſt rück⸗ wärts gegangen, die demokratiſche Partei vorwärts es fragt ſich, welche von beiden in den Augen des Volkes, deſſen Intereſſe den richtigen Maßſtab ihrer richterlichen Beurtheilung abgeben kann, der Verzeihung bedarf. Die letztere iſt im Augenblick durch die erſtere mit phyſiſcher Gewalt überwunden. Das Volk hat ſtillſchwei⸗ gend die Regierung amneſtirt, und es wird doch ſo viel Erkenntniß ſeiner politiſchen Rechte und Intereſſen aus den vergangenen Jahren gerettet haben, um dieſer Amneſtie gegenüber ſeine eigene Partei, die demokratiſche, wenigſtens nicht mit ſeiner Einwilligung beſtrafen zu laſſen.

Und zu dieſer Partei, zur Partei des Volkes, habe auch ich mit Herz und Hand, mit Wort und That immer gehört. Ich war Re⸗ publikaner ehrlich und offen wie ich es noch jetzt bin. Ich hielt mein Volk für endlich reif zur Selbſtregierung, auf die es ein ewiges an⸗ gebornes Recht von Gottes Gnaden hat, während es ſich nun aber⸗ mals wiederſtandslos in ſeine alten Ketten ſchmieden läßt. Ich hoffte wie tauſend Andere mit mir, unſer armes Vaterland, ſo lange der geäffte Spielball fremder Mächte und der Kinderſpott Europa's, ſei endlich auf dem Wege durch eigne Kraft und eignen Muth, mit oder ohne ſeine Fürſten, den ihm gebührenden Platz in der Reihe der Nationen einzunehmen, von dem man es abermals mit ſchnö⸗ den Fußtritten hinab geſtoßen hat. Ich dachte und ich verhehlte dieſen Wunſch nicht, Deutſchland werde republikaniſch werden unter dem Banner einer neuen Reichsverfaſſung, während es nun koſackiſch wird unter dem Protektorate des ruſſiſchen Czaren. In dieſem Sinne ſprach und handelte ich zu jener Zeit, wo noch der feuerſpeiende Berg der Märzrevolution kreiſte, der inzwiſchen die Mäuſe des Frankfurter Plenums geboren hat. Wer will mir dieſe ſo natürlichen Wünſche und Hoffnungen meiner jungen Begei⸗ ſterung heute zum Verbrechen anrechnen? Sagt, ich habe mich ge⸗ täuſcht in meinem blinden Vertrauen auf die Thatkraft und Reife meines Volkes, ſagt, ich hätte wiſſen ſollen, daß eine Generation entwürdigter Unterthanen nicht in Einem Tage zu freiheitſtolzen Staatsbürgern umgeſchaffen werden kann ich geſtehe meinen Irr⸗ thum zu mit der Röthe der Scham für meine Mitbürger. Aber bin