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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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in fremden Zungen redeten, wo wir Jünglinge Geſichte ſahen und die Jungfrauen Träume hatten; heute aber ſind die Tage des Märty⸗ rerthums, wo die Apoſtel des neuen Evangeliums von den fürſtlichen Machthabern als Gottesläſterer und Rebellen verfolgt, gemartert und geſteinigt werden. Damals zog der Meſſias der Volksſouveränität im Triumphe durch die Straßen und Alles jubelteHoſiannah! Heute zieht er zwiſchen Schächern und die Dornenkrone auf dem Haupte nach dem Golgatha des Richtplatzes und des Zuchthauſes, und Alles ruft:Kreuzige ihn! Kreuzige ihn! Es war eine ſchöne Zeit, m. H., jene Zeit der ſchwarz⸗roth⸗goldenen Fahnen, der Volksverſammlungen und Adreſſen, der feierlichen Schwüre und begeiſterten Hoffnungen, und die Erinnerung daran wird, trotz aller Schmach und allem Druck der Gegenwart, nicht ſo bald aus unſern Herzen ſchwinden. Es waren die politiſchen Saturnalien des deutſchen Volkes, wo die Sklaven ihrer Ketten entledigt und von ihren Her⸗ ren bedient wurden, wo das Wort frei war und die traurige Ver⸗ gangenheit vergeſſen wurde in dem Traum einer trügeriſchen Gegen⸗ wart. Das Feſt iſt beendigt, unſere Fackeln und Lampen ſind aus⸗ gebrannt, der Sklave hat ſeine abgeworfenen Feſſeln wieder aufge⸗ nommen, und der Katzenjammer jenes ſchönen Rauſches liegt, wie ein Alp, auf der ganzen Nation. Aber es war ein ſchöner Gebrauch der Römer, daß ſie wenigſtens nach der Rückkehr des alten Zuſtan⸗ des ihrem Sklaven keine Strafe auferlegten für die vorübergehenden Freiheiten, die er ſich ihnen gegenüber während der Saturnalien er⸗ laubt hatte. Meine Ankläger hätten dieſes alten Brau⸗ ches gedenken ſollen! Da ſie aber auf dieſen Ruf der Verſöh⸗ nung nicht haben hören wollen, ſo appellire ich an Ihr Gedächtniß, m. H. G. Wer von Ihnen erinnert ſich nicht noch friſch an die au ßerordentlichen Zuſtände jener revolutionären Sturm- und Drang⸗ periode des Jahres 1848, Zuſtände, denen das Maß des Herkömm⸗ lichen und Gewöhnlichen fehlte, jenes goldnen Zeitalters des Prophe⸗ ten, wo die Lämmer neben den Panthern lagen und die gnädigen Herren von geſtern mit der ſtegreichen Canaille von heute fraterni⸗ ſirten, wo ein Zitz noch zu einem Ludwig von Heſſen ſagen konnte: wenn die Fürſten demokratiſch werden, werden die Völker monar⸗ chiſch! und wo ein König von Preußen öffentlich erklärte, das Volk ſeiner Hauptſtadt habe ſich großherzig gegen ihn benommen, weil es ihn nach dem Blutbade der Märztage am Leben und auf dem Throne ließ! Jene Zeit erſcheint uns freilich wie ein. Mährchen, aber ſie darf nicht vergeſſen werden, wenn man uns, den Angehörigen jener außer⸗ ordentlichen Zeit von geſtern und vorgeſtern, heute Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen will.

M. H., denken Sie daran, daß Sie vielleicht ſelbſt in jenen Tagen, wo das Unmögliche möglich ſchien, Gut und Blut einzuſetzen geſchworen haben für Dinge, die man jetzt naſerümpfend als unreife Illuſtonen belächelt oder gar als Verbrechen denuncirt, und dann,