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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
Seite
281
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Nachdem der Angeklagte durch eine rechtliche Ausführung, mit Berufung auf entſprechende Urtheile verſchiedener Gerichtshöfe, dar⸗ zuthun verſucht, daß nach der März⸗Revolution in Folge der dadurch herbeigeführten notoriſchen Unſicherheit der öffentlichen Rechtsverhält⸗ niſſe die früheren Begriffe politiſcher Verbrechen, wie ſie in dem vor⸗ märzlichen heſſiſchen Strafgeſetzbuch enthalten, überhaupt gar nicht mehr anwendbar geweſen ſeien, ſprach er zum Schluſſe im Weſent⸗ lichen Folgendes:*)

Meine Herren!

Andre Zeiten, andre Sitten! ſagt das Sprüchwort. Nicht die Sitten des vormärzlichen Polizeiſtaats von 1840 können hier als Maßſtab dienen, wie ſie in dieſem von einer alten Privile⸗ girten⸗Kammer votirten Strafgeſetzbuch enthalten ſind, auch nicht die modernen Sitten der Bundestags⸗Reſtauration oder der Ordonnan⸗ zen unter dem Miniſterium Dalwigk von 1850, ſondern einzig und allein die freilich großen Theils verſchwundenen Sitten jener Zeit, aus der meine Anklagen herſtammen, die demokratiſchen Sit⸗ ten des Jahres der März⸗Revolution von 1848, unter deren Herrſchaft ich öffentlich ſprach, ſchrieb und handelte. Damals und jetzt das iſt allerdings ein gewaltiger Unterſchied; aber die⸗ ſen Unterſchied dürfen Sie billiger Weiſe nicht mich entgelten laſſen, denn ich ſelbſt würde heute, wo die Politik wieder in altem Style von den Diplomaten gemacht wird, nicht mehr daſſelbe thun und ſagen, wenn ich auch ganz daſſelbe dächte, wie vor 2 Jahren, wo die Politik von dem ſouveränen Volke gemacht wurde, als noch auf dem Palais der Eſchernheimer Gaſſe die ſchwarz⸗roth⸗goldene Fahne flat⸗ terte, die heute in Fetzen zerriſſen iſt, als noch, kraft der neu ero⸗ berten Souveränität des deutſchen Volkes in der Paulskirche die Na⸗ tionalverſammlung tagte, die heute auseinandergeſprengt und verſchol⸗ len iſt, und als wir noch die junge Charte der Märzerrungenſchaften für eine Wahrheit hielten, die heute zur Lüge geworden iſt kurz, als diejenigen Beſtrebungen noch als verdienſtlicher Patriotismus gal⸗ ten, die heute als Staatsverbrechen verfolgt werden, und jene Män⸗ ner noch auf den Schultern des Volkes als Heroen des Tages erho⸗ ben wurden, die jetzt ſtandrechtlich niedergeſchoſſen, in den Kerker geworfen oder in die Verbannung gejagt ſind. Damals, m. H. in dem Jahre 48 waren die glorreichen Pfingſttage der auferſtan⸗ denen Volksfreiheit, wo die Feuerzungen der nationalen Begeiſterung auf allen Häuptern ſchwebten und die Herren Fürſten und Miniſter

**) Die Abweichungen können nur höchſt unbedeutend ſein. Einzelne Stel⸗ len, die der Redner aus Rückſichten auf die Gerichts⸗Cenſur gemildert oder un⸗ terdrückt hat, geben wir hier in ihrer urſprünglichen Geſtalt.