Offener Brief . an den großberzoglich beſſiſchen Kriminal⸗Nichter Klingelhöffer zu Ghrßet. (verſpaͤtneſt.)
Mein Herr!
Sie werden es gewiß vicht erklärlich ſinden, daß der Unter⸗ zeichnete, deſſen ehrlicher Name lange vorher ſchon auf der Pro⸗ ſkriptionsliſte des Prinz⸗Emil'ſchen Kammerdieners Jaup eingezeich⸗ net ſtand, ſich noch zu rechter Zeit den plumpen Fäuſten Ihrer Gensd'armen und dem politiſchen Herenprozeſſe der großherzoglich heſſiſchen Kabinetsjuſtiz durch eine„Zerſtreuungsreiſe in das Aus⸗ land“ entzogen hat. Sie kennen wahrſcheinlich ſchon aus Ihrer eigenen Praris die mißliebige Wahrheit des alten Sprichworts, die ſo oft ſchon Diebe, Mörder, Hochverräther und„andere Ver⸗ brecher“ den ſteckbrieflich bewaffneten Klauen der heiligen Hermandad entſchlüpfen ließ:„Die Nürnberger hängen K einen, be⸗ vor ſie ihn haben.“ Sie niſſen, daß dieſer alte Vorbehalt der weiland frei⸗reichs⸗ſtädtiſchen Gerichtspolizei auch in dem Spren⸗ gel des Gießener Kriminalgerichts noch ſeine volle Geltung bewahrt hat, und werden es darum auch mir, als einem angehenden Stu⸗ dioſen der Jurisprudenz, kollegialiſch zu Gute halten, wenn ich mir die goldene Moral jenes ehrwürdigen Satzes zu Nutze machte und es nach ſeinem Rathe vorzog, lieber in effigie als in natu- ra zu baumeln. Ich kann daher jetzt erſt von jenſeits des„freien deutſchen“ Rheins herüber, ſtatt in der Baſtille des Seltersbergs Ihrer Ladung par distance Folge leiſten und erſuche Sie, in Ermangelung meiner perſönlichen Anweſenheit, einſtweilen dieſen Brief zu dem erſten Faszikel der begonnenen Unterſuchungsakten zu legen.


