des„verfehlten Berufs“ wahrlich keine Anwendung findet, bietet mir für mannigfache Enttäuſchungen der Vergangenheit vor Allem auch ein glückliches Familienleben ausreichenden Erſatz. Das letztere lehrte mich nach mancherlei ſtudentiſch⸗revolutionären Ertravaganzen meiner ſorglos kecken, zuletzt etwas verzigeunerten Jugend die tiefe Wahrheit desgalten franzöſiſchen Wortes:„on peut on être mieux, qu'au sein de sa famillo!“ zu meiner innerſten Genugthuung aus eigner Praxris kennen. Daheim habe ich ja meine kleine Privat⸗Republik zwiſchen den vier Wänden, wo mich— falls ich sotta voce, wie üblich, ſpreche— keinerlei „Strafgeſetz⸗Novelle“ packen kann, und wenn ich Abends, nachdem ich neben den geſchäftlichen Sorgen zugleich auch die politiſchen Aerger⸗ niſſe des Tages mit dem Rock an den Nagel gehängt, meinen Kindern gegenüber und meiner jetzigen„blonden Sie“ zur Seite ſitze, ſo möchte ich der Letzteren gar oft jenen ſchönen Vers Gott⸗ fried Kinkel's an ſeine brave Johanna wiederholen, den ich einſt in dem Hochzeitstoaſte auf meinen alten Freund Louis Büchner als deſſen faſt eben ſo ketzeriſcher Trauungszeuge citirte:
„Hol' der Teufel die Welt! Schleuß' uns die Thüren zu, Wein gib, laß' an Dein Knie lehnen mein fröhlich Haupt, Epheu winde mir d'rum!— So, und nun lachen wir
Alle Narren und Pfaffen) aus!“—
Und werfe ich einen ruhigen Blick zurück auf meine wechſel⸗ volle Vergangenheit als Student der Theologie und Jurisprudenz, politiſcher Journaliſt und Agitator, Flüchtling und Freiſchärler, Correctionshaus⸗Sträfling und ausgewieſener Commis, Brandwein⸗ und Tapeten⸗Fabrikant, jetziger Buchdruckereibeſitzer und ſtiller Mit⸗
*) Selbſtverſtändlich iſt, was ich bei erwähnter Gelegenheit mit auf⸗ richtigem Compliment für den mitanweſenden jovialen Frankfurter Stadt⸗Pfarrer ausdrücklich bemerkte, daß ich unter„Pfaffen“ nicht die, gleich ihm, ächten, auch geſellſchaftlich genießbaren Prieſter des Epangeliums der Humanität und Toleranz, ſondern nur die einſeitig unduldſamen theologiſchen Zunft⸗ Zeloten,„ob nun katholiſch geſchoren, ob proteſtantiſch geſcheitelt“, verſtand. Mit den letzteren„Geſellen“ bin ich nach den bekannten Cöthe⸗Schiller'ſchen Xenien als Apoſtata„immer in'’s Haar gerathen“, erwarte auch von ihnen, zu⸗ dem Angeſichts meiner correctionellen Tagebuchs⸗Feuerbachiaden, für Vorliegen⸗ des keine beſonders ſalbungsvolle Empfehlung. Der menſchlich liebenswürdigſte „Pfaſſe“, mit dem ich jemals unter unbefangener Erörterung unſrer beider⸗ ſeitigen grundſätzlichen Meinungs⸗Diſſerenzen, trotz ſchließlichen Nichtüberein⸗ kommens mit herzlichem Abſchieds⸗Drucke der mir eben ſo herzlich dargereichten Hand,„gekneipt“, trug eben nicht den„Scheitel“, ſondern die„Tonſur“. Das mag ein reiner Zufall geweſen ſein, aber er iſt immerhin charac⸗ teriſtiſch. D. V.


