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ſeinen Kaffee beim Grauen des Tages. Der Wechſel der Jahres⸗ zeiten, Frühling, Sommer, Herbſt und Winter, kehrt immer in der alten Reihefolge wieder; man weiß ſo ziemlich ſicher voraus, wenn man zum erſten Male den Ofen heizt oder die Nankinghoſen und den Paletot anzieht. Abends ſitzt er mit den lieben Nachbarn, ein Pfeifchen ſchmauchend, vor der Thür, und wie herzerhebend iſt dann der Blick zu dem ſternenfunkelnden Firmament! Dort die Milchſtraße, da der große und kleine Bär, der Wagen, der Orion und alle die Planeten, die Jahraus, Jahrein ihre feſten Bahnen wandeln und an demſelben Abend an derſelben Stelle über dem und jenem Hauſe ſtehen, der Jupiter, Saturn, Uranus, die Venus und wie ſie heißen: alle dieſe kleinen Lichtpünktchen ſind bewohnte Welt⸗ körper, wie unſere Erde, und der Profeſſor Gruithuiſen hat ſogar Volksverſammlungen und Landſtraßen auf dem Monde entdeckt. Vielleicht findet man dort auch Polizeidiener, Gensd'armen und „Jeſuiten“, die bekanntlich überall und nirgends ſind. Ein fröſtelndes Grauen der Ehrfurcht überläuft den betrachtenden Sterblichen, das Gefühl der ſchwachen, ſtümperhaften Schulkenntniſſe, für welche die Wunder der Schöpfung unerklärlich beiben, als ein verſiegeltes Zauberbuch, worin der lallende A⸗b⸗c⸗Schütze nie über das Alpha⸗ bet und die paar erſten Seiten hinauskommen wird. Voll Staunen gafft er empor und um ſich. Die Natur iſt ihm die geheimnißvolle Sphinx mit ſäugenden Brüſten und ſtrahlenden Augen, und ſie wird in den Abgrund hinabſtürzen, wenn dereinſt der letzte Menſch in dieſer weiten Welt als ein andrer Oedipus ihre Räthſel lös'te. Wie iſt dieſe Weltordnung entſtanden? Der Hausmannsverſtand des beſchränkten Menſchen bleibt die Antwort ſchuldig. Er ſchüttelt den Kopf, kraut ſich in den Haaren und blickt rathlos zur Decke. Das„hängt“ ihm, nach dem populären⸗Ausdrucke,„zu hoch“. Ganze Generationen tiefſinniger Weiſen haben ihr Lebenlang über der großen Frage gebrütet. Noch hat Keiner ſiegesgewiß„ogne!“ gerufen, ſondern Alle ſind vor dem eignen Spiegel achſelzuckend zu Grabe gegangen. Ganze Bibliotheken voll ſtaubiger Folianten laſſen euch rathlos.
„Wer antwortet? Der Menſch forſche dem Räthſel nach, Bis er ſtirbt, bis er ſucht und— ſtirbt!“
„Doch, o Troſt der„geoffenbarten“ Religion! Du biſt die ur⸗ alte Ariadne, welche dem forſchenden Menſchenkind den leitenden Faden in die Hand gibt, an dem es ſich durch die finſtren Irrgänge des großen Weltlabyrinthes hindurchwindet! Nimm deinen Kate⸗ chismus, du Schulknabe mit grauem Haar und trüben Augen, ſchlage deine alte Familienbibel auf uns lies im 1ten Buch Moſis, im 1ten Verſe des 1ten Capitels:


