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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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uns mehrere Gefangene gemacht wurden, gingen wir nach Befehl über die Murg, wo wir in Verbindung mit dem mehr nach Raſtatt liegenden Becker'ſchen Corps den linken Flügel(von Raſtatt der Murg entlang bis nach dem Rhein) bildeten und eine durch den Murgdamm ſehr geſchützte Stellung inne hatten. Das Gefecht mit den Preußen begann unſrerſeits, die wir Steinmauern gegenüber lagerten, am Tage vor der auf dem rechten Flügel ſpielenden Gerns⸗ bacher Affaire und dauerte ohne Unterbrechung zwei Tage lang. Wir hatten gegen uns preußiſche Infanterie, wenn ich nicht irre, vom 26. und 29. Landwehr⸗Regiment, Uhlanen ꝛc. und eine ge⸗ hörig eingeübte Abtheilung Scharſſchützen nebſt Artillerie(6⸗Pfünd⸗ nern). Hier war ich das erſte Mal mitten im Feuer, in der Regel in der Nähe Dolls, für den ich, auf dem Raſen vor dem Pferde liegend, Depeſchen an Mieroslawsky, Becker, u. A. ausfertigte, manchmal unmittelbar am Damm, wo wir auf die jenſeits ſich ſehr patzig herumtummelnden Preußen ſchoſſen. UnſreAlte hätte mich ſehen ſollen, wie ich da in der blauen Blouſe, mit dem von Diepenbrock dedicirten eleganten Säbel und den Piſtolen im Gürtel, (Anfangs trug ich auch eine Muskete) mit ſonnverbranntem Ge⸗ ſichte unter der Militärmütze ohne Schirm, von Abtheilung zu Abtheilung, natürlich zu Fuß, hin⸗ und herſprengte. Die Frau Mutter hätte zeterſchreiend die Hände über dem Kopfe zuſammen⸗ geſchlagen. Die Preußen ſchoſſen indeſſen herzlich ſchlecht; ihre Spitzkugeln und Sechspfündner flogen uns faſt immer wenigſtens 2 3 Schuh über die Köpfe hinüber. Die Spitzkugeln, die ſehr weit treiben, haben einen gar eigenthümlichen Ton, der mir das erſte Mal nicht beſonders behaglich in die Ohren klang und in einem Moment die Geſtalten aller meiner Lieben in unvergeßlichem raſchem Vorüberflug mir an dem Auge vorbeiführte. Sie ſauſen mit einem wahrhaft wimmernden Pfeifen durch die Luft. Unſre Infanterie und Volkswehr hielt ſich brav, am Bravſten aber ohne Zweifel die Artillerie, die aus ihren von Doll ſehr gut poſtirten Ge⸗ ſchützen(6⸗ und 12⸗Pfündnern und Haubitzen) unauſhörlich vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend in die Wette mit ausge⸗ zeichnetem Erfolg Shrapnells und Paßkugeln ꝛc. hinüberfeuerte und dem Feind bedeutenden Schaden that. Steinmauern wurde von ihr an vielen Stellen in Breſche geſchoſſen(wenn der techniſche Ausdruck hier richtig iſt); der Kirchthurm, von wo aus der feind⸗ liche Generalſtab herüber recognoscirte, wurde durchlöchert, ſodaß die Herren dieſen gefährdeten Platz bald verließen, und namentlich unter der Mannſchaft, insbeſondre am zweiten Tag unter der Ca⸗ vallerie, bedeutende Verheerung angeſtellt.(Einen Officier ſahen wir unmittelbar gegenüber ſtürzen.) Nach jedem unſrer Shrapnell⸗ ſchüſſe ſprengte eine Zahl herrenloſer Pferde herum, Pickelhauben