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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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ſieht, es war an gewiſſen Orten nicht ohne Bedenken, ſeine repu⸗ blikaniſche Geſinnung offen zu äußern. Das erfuhr ich auch bei Gelegenheit der großen heſſiſchen Volksverſammlung zu Kranich⸗ ſtein bei Darmſtadt, zu welcher ich als Vertreter Gießens mit einem beſondren ſchriftlichen Mandat und unter der Weiſung dele⸗ girt wurde, für die Entlaſſung des Miniſteriums Jaup und ſo⸗ fortige Einberufung einer conſtituirenden Landesverſammlung zu ſprechen und zu ſtimmen*). Als der erbitterte Streit über die Wahl des Präſidenten ausbrach, als welchen die zahlreichen Rheinheſſen und wir übrigen heſſiſchen Demokraten Zitz aus Mainz, die Con⸗ ſtitutionellen dagegen durch A. Metz, den ich damals zum erſten Male in der Nähe ſah, den Darmſtädter Advokaten Stahl vor⸗ ſchlugen, kam es an mehreren Orten mit den durch blaue Korn⸗ blumen ausgezeichneten reſidenzlichen Vorſtädtern zu mehr oder minder ſtarken Prügeleien, in die auch ich mit meinem Freunde Guſtav B. aus O., jetzigem Seifenſabrikanten daſelbſt, wir Beide bezüglich unſrer Parteifarbe durch rothe Bändchen im Knopfloche kenntlich und leider! nur mit ſchwachen Spazierſtöcken bewaffnet ohne alle Herausforderung verwickelt wurde. Ich erhielt bei der Gelegenheit von den dicken Prügelhölzern der Kornblumen⸗Garde einige derbe Hiebe über den Kopf, die mich wenigſtens außer Ver⸗ faſſung ſetzten, meine in Auftrag habende Rede contra Jaup zu halten, obwohl ich der Verſammlung in einiger Betäubung bis zum Ende beiwohnte. So erinnere ich mich noch, daß Zitz von einer Chaiſe herab energiſch für das Verlangen der heſſiſchen Conſtituante und Abſendung einer desfallſigen Petition an den Großherzog ſelbſt plädirte. Außer ihm ſprachen u. A. noch das Wiener Parlaments⸗ mitglied F. Schuſelka, wenn ich nicht ſehr irre, der 30er Demagoge Jakob Schütz aus Mainz und der damals ſehr bekannte, ſpäter im

*) Fragliches Mandat, das mir im Originale vorliegt, lautete wörtlich: Die hieſige Volksverſammlung vom 21. Juli hat den Beſchluß gefaßt, die am 23. Juli auf Kranichſtein bei Darmſtadt ſtattſindende Volksverſammlung durch eine Deputation zu beſchicken. Sie drückte den Wunſch aus, daß man ſich frei⸗ willig an dieſer Deputation betheilige, und bezeichnete außerdem eine Anzahl Männer für dieſe Sendung.

Das Mandat der Deputation geht dahin, die Beſchlüſſe der Verſamm⸗ lung auf Kranichſtein in Bezug auf Auflöſung beider Kammern und die ſchleu⸗ nigſte Berufung einer conſtituirenden Verſammlung in jeder thunlichen Weiſe zu unterſtützen und vorkommenden Falls zugleich zu erklären, daß das Miniſterium Jaup das Vertrauen des Landes nicht beſitze und baldmöglichſt durch ein neues, welches ſich die ungeſäumte Verwirklichung und Vervollſtändigung der durch das Patent vom 6. März anerkannten Volksrechte zur Aufgabe macht, erſetzt werden möge.

3 Gießen, den 21. Juli 1848. Im Auftrage der Volksverſammlung vom 21. Juli 1848. Heinrich Ferber, Vorſitzender. Georg Noll, Schriftführer,