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Freund der wahren() Freiheit in Zweifel ſein.“ Gut gebrüllt, Löwe!„Mißverſtandene Demokratie“—„wahre Freiheit“, ganz die alten Redensarten. Wenn Studenten ſich ſtrafgeſetzwidrige po⸗ litiſche Ertravaganzen zu Schulden kommen laſſen, ſo klagt man ſie einfach an und ſteckt ſie im Verurtheilungsfalle in die Feſtung oder gar ins Correctionshaus, ſo gut wie jeden andern politiſchen Delinquenten. Sie werden ſelbſt auf dieſem Gebiete keine Aus⸗ nahmeſtellung für ſich verlangen. Da hier der Begriff akademiſcher Freiheit von ſelbſt in Wegſall kommt, ſo tritt natürlich, wie in jedem andern Fall, der Staatsanwalt und das gewöhnliche bürger⸗ liche Gericht in ſeine Rechte, ohne daß man etwa beſondre„ſchwarze Commiſſionen“ und dergleichen zu ernennen braucht. Faſt die meiſten ſtudentiſchen Mitglieder unſres damaligen Gießener repu⸗ blikaniſchen Vereins haben ganz commentmäßig„brummen“ müſſen, ſo gut wie jeder„Philiſter“, ja mir ſelbſt iſt ſogar die Abnormität paſſirt, daß ich, nachdem ich für meine politiſchen Sünden als heſſiſcher„Staatsbürger“ 6 Monate im Correctionshaus hatte ſitzen müſſen, noch obendrein in meiner gleichzeitigen Eigenſchaft als„akademiſcher Bürger“ vor der Entlaſſung von dem Gießener Senat auf ein halbes Jahr poſtſcriptlich relegirt wurde. Alſo bis in idem! Und da braucht man noch über die durch beſondre Ausnahmegeſetze unſchädlich zu machende Staatsgefährlichkeit der politiſch angeregten ſtudentiſchen Jugend Zeter zu ſchreien, wenn man ihr jeden Augenblick, wie der bekannten Börne'ſchen Mißge⸗ burt, auf zwei Rücken zugleich Prügel geben kann!
Auch über unſre verſchiedenen auswärtigen Volksverſamm⸗ lungen, wobei wir in der Regel die Hauptredner abgaben, berichtet die Oberpoſtamtszeitung, natürlich in ſehr abfälliger Weiſe. Zu den ſtürmiſchſten gehörte die von Großenlinden, wo wir unter A. Beckers Führung den ſtrengmonarchiſchen Matadoren des vater⸗ ländiſchen Vereins auf der Tribüne gegenüberſtanden und in Folge der Unvorſichtigkeit Eines der Unſrigen, der die Anweſenden mit „Ihr armen betrogenen Bauern!“ haranguirte, von den fanatiſir⸗ ten Letzteren derart mit Stühlen und ſonſtigen Wurfgeſchoſſen bom⸗ bardirt wurden, daß wir es der ſtarken ländlichen Mehrheit gegen⸗ über, um ein etwaiges Handgemenge zu vermeiden, klüglich vor⸗ zogen, den ſtrategiſchen Rückzug nach der nahen Landſtraße anzu⸗ treten. Ferner die vom Heſſenbrücker Hammer bei Laubach, wo unſre bittren Anklagen gegen den ſchweren Druck des ſtandes⸗ herrlichen Feudalregiments den erbittertſten Widerſpruch der an⸗ weſenden gräflichen Beamten und ihres ziemlich zahlreich requirirten Anhangs hervorriefen, ſodaß eine drohende allgemeine„Keilerei“ kaum vermieden werden konnte. Ebenſo tumultuariſch war die zu Friedberg auf der dortigen Seewieſe. Meine Gießener Freunde


