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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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die telegraphiſchen Nachrichten über den damaligen Hecker'ſchen Putſch im badiſchen Oberland veranlaßte auffällige Proclamation an die Gießener Bürgerwehr an den Straßenecken hängen, von deren Erlaß uns, inſonderheit mir alsGeneralrath, zuvor auch nicht das Geringſte bekannt geworden war.Kameraden! ſo ohngefähr lautete es.Die Nachricht von dem frevelhaften, toll⸗ kühnen Unternehmen Heckers in Baden iſt ohne Zweifel auch zu euch gedrungen und hat euch mit der gleichen. Entrüſtung, wie mich, erfüllt. Wenn das Unglaubliche geſchehen, wenn die Wogen der Anarchie ſich bis in die Nähe unſrer Stadt ergießen ſollten, ſo ſeid überzeugt, daß ihr zur Wahrung des Geſetzes und der Ordnung gegen gänzlich ungerechtfertigte Inſurrection euren Oberſt an eurer Spitze finden werdet! U. ſ. w. U. ſ. w. Gezeichnet: Gießen, den ſo und ſovielten. C. V., Oberſt der Bürgerwehr. Ein Schrei der Entrüſtung ertönte aus unſrer Mitte. Das können wir uns nicht bieten laſſen. Wie kann Der ſich einbilden, uns zu Polizeibütteln gegen anrückende Republikaner mißbrauchen zu dürfen? Wir ſind keine monarchiſche Leibgarde. Er muß ſofort darüber zur Rede geſtellt werden! So riefen wir ung voce omnes. Wir vertheilten uns in verſchiedne Gruppen, die den Oberſt es war gerade Mittagszeit in ſeiner Wohnung und den verſchiednen größeren Hotels aufſuchen und interpelliren ſollten. Nirgends zu finden. Endlich ſahen Alex. Büchner und ich ihn vor den Thoren ganz behaglich vomTrieb herab ſpazieren ſchlendern. Wie ein Blutvergießer ſtürzte ich auf ihn los.Aber, Herr Profeſſor, wie können Sie ſo eine ſchauderhafte Proclamation an die Bürgerwehr anſchlagen laſſen?Nur ruhig Blut, F.! antwortete er mir, worüber alteriren Sie ſich denn eigentlich ſo?Sie haben da öffentlich erklärt, wenn F. Hecker mit ſeinen Freiſchaaren bis hier⸗ her marſchiren ſollte, ſo würden Sie an unſrer Spitze gegen ſie vorrücken. Glauben Sie denn, daß Ihnen auch nur ein Mann von uns folgen würde? Die ganze Bürgerwehr bis auf ſo ein paar Spieße ließe Sie im Stiche.(Ci nun, damit klopfte er mir lachend auf die Schulter,lieber F.! Wenn ſie einmal bis in die Nähe von Gießen gekommen ſein ſollten, dann brauchen wir nicht mehr gegen ſie zu marſchiren, dann ſchlagen wir uns ein⸗ fach zu ihnen!Wozu aber dann, fragte ich pikirt,die ganze Proclamation?Lieber F., lachte der Schelm abermals, ohne im Geringſten die Contenance zu verlieren.Was ſind Sie noch

ſo naiv! Sie wiſſen doch, Sie ſelbſt unterſtützen ja öffentlich meine Candidatur daß ich nach F. gewählt ſein will. In unſrem iumtt

Wahlbezirk ſind aber bekanntlich gar viele Conſtitutionelle, da muß man manchmal auch Denen zu lieb ein paar Phraſen loslaſſen! Ah ſo! ſagte ich gedehnt und entfernte mich achſelzuckend. Bald