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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
Seite
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ſchon effectvoll arrangirt ſand. Nicht nur war ein wahrer Stoß Acten auf dem Schreibtiſche des Herrn Kreisraths aufgeſtapelt, ſondern auch und das war für mich das Ergreifendſte an bevorzugter Stelle lagen ein Exemplar der heſſiſchen Verfaſſung und Gemeindeordnung, zwei öffentliche Rechtsurkunden, die der von mir ſattſam öffentlich gegeißeltePaſcha von 3 Roß⸗ ſchweiſen bisher niemals auch nur im Geringſten reſpectirt hatte! Man merkt die Abſicht und man iſt verſtimmt. Der mit allen Hunden gehetzte Schlaukopf klagte als ſchwer verkannter Bieder⸗ mann darüber, daß ich mich von Verläumdern ſo unverantwortlich gegen ihn habe aufhetzen laſſen. Er ſei der humanſte, uneigen⸗ nützigſte Beamte von der Welt, der nur das Wohl der ihm an⸗ vertrauten Gemeinden im Auge habe; faſt alle meineZuſchauer Artikel gegen ihn ſeien entweder reine Erfindungen oder grobe Entſtellungen u. ſ. w. Ich erwiederte achſelzuckend, daß ich eben Alles optima fide geſchrieben, dafür meine, mir als vollkommen zuverläſſig geltenden Gewährsmänner beſitze und mein ganzes Be⸗ weismaterial ſchon in ca. 30 Bogen zu den Acten dictirt habe. Als er mir darauf in zutraulich gemüthlicher Weiſedie Würmer aus der Naſe ziehen und erfahren wollte, was ich denn eigent⸗ lich für beſondere Beweismomente gegen ihn zu Protokoll gegeben, antwortete ich kühl, das ginge denn doch wohl nicht an, da nun einmalsub judice lis ſei. Er oder ſein Advokat werde ja Alles ſeiner Zeit ſchon vollſtändig leſen können.Abgeblitzt, alter Fuchs! dachte ich und mit einem gewiſſen Grinſen ſchieden wir höflichſt von einander.

Natürlich nahm ich auf der Rückfahrt meine beiden Gensd'armen mit, die ſich innerhalb der Grenzen ihrer Dienſt⸗Inſtruction ſehr human und aufmerkſam gegen mich benommen hatten. Etwa eine Viertelſtunde vor meiner Vaterſtadt wurde ich bereits per Achſe empfangen. Das Gerücht von meiner Transportation per Schub hatte ſich am frühen Morgen ſchon daheim verbreitet und bei meiner damaligen allgemeinen Popularität in bürgerlichen Kreiſen allgemeine Senſation hervorgerufen. Zuerſt begegneten mir in einer Chaiſe meine beiden Oheime, welche bei dem Kreisrath S. behufs meiner Freilaſſung interveniren und erforderlichen Falls Caution ſtellen wollten. Hinter ihnen aber, die den ſtreng geſetzlichen Weg vertraten, kam bald darauf das revolutionäre Element auf zwei dicht beſetzten Leiterwagen, die jungen Burſche meiner Heimath, alle Schulkameraden von mir, welche ohne Weiteres beſchloſſen

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hatten, mich nöthigenfalls gewaltſam aus dem vermutheten Ge⸗.

fängniſſe in N. zu befreien. Denn daß Kreisrath S. aus nahe⸗ liegenden Gründen mein Todfeind war, wußten ſie, und ſie ſahen mich ſchon im Geiſte in Ketten und Banden, die wackren Jungen.

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