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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
Seite
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helligt reiſen, wohin ich wolle. Wenn es ihn übrigens perſönlich inter⸗

eſſire, ſo trage ich kein Bedenken, ihm mitzutheilen, daß ich wieder einmal meine hieſigen V zerwandten beſuchen und vor Allem den Caſino⸗ ball mitmachen wolle. Zum Beweiſe für letzteren harmloſen Reiſezweck könne er bei etwa beliebiger Durchſuchung meiner Reiſetaſche einen ſchwarzen Frack darin finden. Durch dieſe meine etwas ſarkaſtiſch kühle Antwort gereizt, fuhr er mich mitAh was? an.Ich weiß wohl, was Sie wollen. Sie ſind hierher gekommen, um No⸗ tizen zu ſammeln für Ihre bekannten Schmähartikel in den Deutſchen Zuſchauer. Ich werde aber nicht dulden, daß Sie die hieſigen Beamten öffentlich verhöhnen. Achſelzuckend bemerkte ich, das ſei durchaus nicht mein Reiſezweck, der vielmehr ausſchließlich auf ein pures Ferien⸗Amüſement hinauslaufe. Wenn ich übrigens wirklich Luſt hätte, Notizen von öffentl ichem Interoſſe über hieſige Zuſtände zu ſammeln, ſo könne er mir doch Das und deren journaliſtiſche Verwerthung ſicher nicht verwehren. Meine etwaige Strafbarkeit würde erſt dann beginnen, wenn nach dem Erſcheinen eines des⸗ fallſigen Zeitungsartikels die Gerichte ein Vergehen gegen das Geſetz darin fänden und conſtatirten.Ah was?! hieß es wieder. Glauben Sie nicht, daß ich mich von Ihnen zum Beſten halten laſſe! Das iſt All les Larifari. Im Uebrigen haben Sie auch vor Kurzem erſt in aaftitreng chen Blättern die Stadt L. lächerlich ge⸗ macht.(In meinem früher erwähnten, als Beilage zum Zuſchauer erſchienenen Wahlmanifeſt t hatte ich mein Mutterſtädtchen allerdings einer ſehr ſcharfen, keineswegs günſtigen Charakteriſtik unterworfen, was aber bei deſſen Bewohnern des damit verbundenen Humors und der Wahrheit der meiſten Thatſachen halber gar ſo kein ſo böſes Blut ſetzte.)Es iſt daher, wenn Ihre hieſige Anweſenheit bekannt wird, eine ſo gefahrdrohende Aufregung der Einwohnerſchaft zu befürchten, daß ich mit meinem Polizeiperſonal für Ihre perſön⸗ liche Sicherheit nicht mehr einſtehen kann. Als ich mit indianiſcher Ruhe erklärte, daß ich die Lebensgefahr riskiren wo lle, brauſte der Herr Landrath auf und herrſchte mich an:Ah was?! Wenn Sie nicht binnen einer Stunde die Stadt freiwillig verlaſſen haben, ſo werde ich Sie mit Gensd'armerie per Schub fortſchaffen laſſen. Nun wohl, war meine Sehluß⸗ Antwort,ich berufe mich auf Artikel 23 und 33 der heſſiſchen Verfaſſung und werde demz zufolge nur der Gewalt weichen. Contre la force il n'y a pas d? rési- stance! Damit entfernte ich mich, höflichſt grüßend.

Die Nachricht von dieſem ſelbſt für damalige Zeiten uner⸗ hörten Vorgange verbreitete ſich raſch durch das Städtchen und erregte allgemeinſte Erbitterung. In kaum einer Stunde ver⸗ melten ſich ohne meiie Aufforderung bei einem mir nahe ver⸗

andten Fabrikanten, jetzigem Bürgermeiſter und Abgeordneten,