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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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nachten 1847 trat in Folge davon mir gegenüber ein Akt bis dahin unerhörter polizeilicher Willkür ein, der damals in der ganzen mittel⸗ und ſüddeutſchen Preſſe allgemeines Aufſehen machte und für die vormärzlichen rechtsloſen Zuſtände nur zu bezeichnend iſt. In dem benachbarten L., dem induſtriereichen Geburtsſtädtchen meiner Mutter, hatte ich zahlreiche Verwandte und Freunde, und als einmal in den Ferien ein paar ebenfalls von dort gebürtige Commilitonen, die ich in unſrem heimathlichen Gaſthofe zur Poſt traf, dahin durchreiſten, rief ich ihnen u. A. die Worte zu:Nun, wie geht's bei euch in L.? Wie ich höre, mitunter ſehrluſtig. Wahrſcheinlich werde ich nächſtens hinüberkommen, um einige Studien zu machen. Ein Herr in Civil am Fenſter des Gaſt⸗ zimmers drehte ſich um und fixirte mich ſcharf.Du, flüſterte der Eine meiner Freunde,das hätteſt Du nicht ſo laut ſagen ſollen, dort ſteht ja unſer Landrath Fi, der Alles gehört hat! Schadet nicht, er kann mir deßhalb Nichts anhaben. Studien machen kann man doch überall! Ich ſollte bald das Gegentheil erfahren.

Am 25. December deſſelben Jahres fuhr ich, nichts Arges ahnend, mit der Poſt nach L., um dort meine Verwandten für einige Tage zu beſuchen und, was im Grunde die Hauptſache, im Caſino an dem ſtets beſonders flotten Weihnachtsball, für den ich bereits einige Damen engagirt hatte, theilzunehmen. Als ich des Abends ankam, patrouillirte ſchon ein Gensd'arm vor dem Poſt⸗ hauſe auf und ab, um unter den ausſteigenden Paſſagieren mich zu rekognosciren. Ahg,, dachte ich, es wird alſo wirklich Was geben! Je nun, ſagte ich mir, Du biſt ſicher unter dem Schutze der Verfaſſung, und hütete mich wohl, meinem Vetter, bei dem ich abſtieg, einem ſehr loyalen Gemeinderathsmitgliede, der ſonſt die Nacht nicht hätte ſchlafen können, von der drohenden polizeilichen Intervention, der ich übrigens gar leicht entgegentreten zu können hoffte, Etwas zu ſagen. Als ich, ohne mich noch irgendwie bei Tageslicht außer den vier Wänden gezeigt zu haben, des andern Morgens am Kaffee ſaß, trat ein Gensd'arm mit der kategoriſchen Aufforderung an mich ein, ſofort vor dem Herrn Landrath auf ſeinem Büreau zu erſcheinen. Ich hatte Luſt, gar nicht hinzugehen, aber der Gensd'arm wartete, um mich der Sicherheit halber zu eskortiren. So verfügte ich mich denn ohne langes Zögern an der Seite des Letzteren zum großen Entſetzen meines Vetters und ſeiner händeringenden Familie auf das Büreau des geſtrengen Herrn Landraths. Derſelbe fragte mich ſofort in barſchem Tone, zu welchem Zwecke ich hier ſei? Ich antwortete ſehr gelaſſen, ich ſei unbeſcholtener Inländer, bis jetzt noch nicht polizeilich confinirt und könne meines Erachtens innerhalb des Großherzogthums unbe⸗