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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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anders thun, da ſonſt in dem langweiligen Neſte die Zeit gar nicht todtzuſchlagen geweſen wäre! Dasnunc est bibendum!? war unter ſothanen Umſtänden eine dira neccessitas Wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, ſchickten uns unſere akademiſchen Brüder aus dem benachbarten Marburg auf die erſte Nachricht von dem Gießener exodus für unſere durſtigen Kehlen ſofort einige Fäſſer Bier, die alma mater Philippina der Ludoviciana.(In einiger⸗ maßen bedenklichem Widerſpruche mit dieſer meiner nicht ganz be⸗ ſtimmten Erinnerung ſteht freilich die ſarkaſtiſche briefliche Be⸗ merkung eines damaligen, von mir kürzlich um einige Auskunft gebetenen Ausſchuß⸗Collegen:DerBruder Marburger beſuchte uns in hellen Haufen auf dem Stauffenberg. Natürlich hatte er, wie damals gewöhnlich, kein Geld, ſondern bloß Durſt. Man überließ ihnen das ſaureWächtersbacher Bier, wobei ſie ſich kurfürſtlich amüſirten. Ob ſich hierin mein Freund getäuſcht hat oder ich, kann ich nicht genau ſagen.) Die GießenerPhiliſter, deren eigenes Intereſſe freilich ſtark auf dem Spiele ſtand, erwieſen ſich ſehrhonorig. Schon am folgenden Tage kamen ſie faſt alleſammt nach dem Stauffenberg gepilgert mit gefüllten Wein⸗ flaſchen für ihre Miether in den Nock⸗ und gefüllten Börſen in den Hoſentaſchen, kalten Cotelettes und Braten, wo ſie nur unterzu⸗ bringen waren, und ſuchten uns auf. Mein alterKönig, damals der Poſt ſchräg gegenüber, ein unter Umſtänden ſehr grober, aber durchaus ehrlicher Mann, der es mit mir, ſeinem ſtets luſtigen Inſaſſen, beſonders gut meinte, regalirte michköniglich, und als er mir vorlamentirte, wir ſollten doch nachgeben, weil unſere ganze Eriſtenz auf dem Spiele ſtände und wir ſonſt kein Examen machen dürften, klopfte ich ihm mit den Worten auf die Achſel:Alter, das verſtehen Sie nicht! Mag daraus werden, was da will blamiren laſſen wir uns nicht. In den paar letzten Tagen unſeres freiwilligen Stauffenberger Exils kamen von Gießen, zum Theil auf Rechnung der Stadtkaſſe, zum Theil in Folge der Subſcription von Privaten, regelmäßig Proviantfuhren, beſtehend aus Brod, Schinken, Cotelettes, Wurſt, ſo und ſoviel Faß Bier u. ſ. w. an, die natürlich von unſeren Schildwachen réligieusement in

Empfang genommen und mit der Unterſchrift Eines von uns Aus⸗

ſchußmitgliedern amtlich dankend atteſtirt wurden. Im Hinblick darauf figurirt auf den ſpäter näher zu erwähnenden C. Bechſchen Bildern über den Auszug neben 2 aus Gießen fahrenden Proviant⸗ wagen folgender, an einem roth und weißen Pflock angehefteter origineller Speiſezettel, der wahrhaft an das Schlaraffenland er⸗ innert, mit entſprechenden Illuſtrationen:5 Pfund Brod 3 Kreuzer, 20 Pfund Wurſt 2 Kreuzer, 12 Flaſchen Bier 4 Kreuzer, 11 Pfund Schinken 2 Kreuzer, 16 Portionen Spanſau 1 Kreuzer. Unter