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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Nach Erlaß dieſes für die damaligen Verhältniſſe etwas kecken Pronunciamento's verhielten wir uns,den Umſtänden nach, ruhig, auf die uns officiell zugeſicherte Genugthuung harrend. Die aus 24 Mann(!) beſtehende Garniſon erhielt nichts deſto weniger ſcharfe Patronen und Nachts durchzogen Patrouillen von Schaar⸗ wächtern und Gens'darmen, die ebenfalls ſcharf geladen hatten, die Straßen. Unſer Ausſchuß hielt regelmäßige Sitzungen, die ſich nicht bloß auf die vorliegende beſondere Angelegenheit, ſondern bei der dadurch glücklicher Weiſe herbeigeführten brüderlich verſöhn⸗ lichen Stimmung auch auf ſonſtige allgemein ſtudentiſche Affairen erſtreckten. Wie günſtig übrigens die unabhängige Nachbarpreſſe unſere ganze ſeitherige Haltung beurtheilte, beweiſt u. A. der Bericht des ſehr unbefangenen damaligen Correſpondenten des Frankfurter Journals vom 5. Auguſt 1846:Mag die Sache ausfallen, wie ſie will, die Studenten haben dadurch ſich ſelbſt und Anderen ge⸗ zeigt, daß ſie trotz aller Spaltungen und Differenzen bei einer allgemein wichtigen Angelegenheit mit Mäßigung, Einheit und Einigkeit aufzutreten ver⸗ ſtehen, und das iſt jedenfalls ein Gewinn, der vieles Unangenehme vergeſſen laſſen wird.

Die verhältnißmäßige Ruhe unſerer akademiſchen Heißſporne ſollte bald unterbrochen werden. Sonntags den 6. Auguſt hielt der Pfarrer und Profeſſor Hartnagel in der katholiſchen Kirche eine, ſo zu ſagen, auf dem Vulkan tanzende, jedenfalls ſehr taktloſe Pre⸗ digt. Der von uns angegriffene Polizeirath Zulehner galt allge⸗ mein als ein fanatiſcher Ultramontaner, und ſein theologiſcher Glaubensgenoſſe hatte ſich von Anfang an ſehr ſtark für ihn er⸗ eifert. Man erzählte uns, er habe von der Kanzel herab über das

ſeinen Reiſebildern?Einige behaupten, die Stadt ſei zur Zeit der Völker⸗ wanderung erbaut worden, jeder deutſche Stamm habe damals ein ungebundenes Exemplar ſeiner Mitglieder darin zurückgelaſſen, und davon ſtammten alle die Vandalen, Frieſen, Schwaben, Teutonen, Sachſen, Thüringer u. ſ. w., die noch heutzutage hordenweiſe, geſchieden durch Farben der Mützen und der Pfeifen⸗ quaſten, über die Straße einherziehen, auf den blutigen Wahlſtätten der Um⸗ gegend ſich ewig unter einander herumſchlagen, in Sitten und Gebräuchen noch immer, wie zur Zeit der Völkerwanderung, dahinleben und theils durch ihre Duces, welche Haupthähne heißen, theils durch ihr uraltes Geſetzbuch, welches Komment heißt und in den legibus barbarorum Stelle verdient, regiert wer⸗ den. Wir hatten in Gießen ſpäter noch eine blauweißrothe Rhenania, deren Gründung gerade von unſerem Auszug nach Stauffenberg datirt, und als Zweige der Allemannia eine Kattia(blaurothgold), der ich ſelbſt angehörte, Frankonia(ſchwarzblaugold), Palatia(blauweißorange) ꝛc. Das klang wirklich faſt, wie eine Hinterlaſſenſchaft der Völkerwanderung, und das Charakteriſtiſche dabei war, daß die eigentliche provinzielle Landsmannſchaft ſich gar oft ganz verniht⸗ ſo daß Studenten aus Starkenburg den Heſſen angehörten und um⸗ gekehrt.