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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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hinausgehende freiere Bewegung von oben herab ſyſtematiſch unter⸗ drückt wurde. Dagegen ſah die Behörde, obgleich die modernen Gladiatorenſpiele der ſogen.Paukereien ꝛc. de jure ausdrücklich verboten waren, dem oft gar wüſten Treiben einzelner Corps gar gerne durch die Finger und protegirte dieſelben unſeren Reform⸗ verbindungen gegenüber auf jede Weiſe. Lachen mußte ich immer, wenn wir Vorſtandsmitglieder der letzteren wegen irgend einer Keilerei mit erſteren vor das Disciplinargericht geladen wurden und, ſo oft wir von den gegneriſchenTeutonen, Heſſen u. ſ. w. ſprachen, der Univerſitätsrichter ſtets diplomatiſch zu berichtigen pflegte:die ſogenannten Teutonen ꝛc. wollten Sie ſagen.

So poetiſch das Studentenleben in meinem oben angedeuteten Sinne iſt, ſo traurig iſt der wirklichmoraliſche Katzenjammer, der bei gar Vielen in dem ſpäteren praktiſchen Leben auf den friſchfröhlichen akademiſchen Rauſch zu folgen pflegt. Gar oft werden dieflotteſten Studio's, die auf der Menſur und der Kneipe, mit dem Schläger und dem Schoppen, alle Anderen aus⸗ ſtachen, hinterdrein die ſervilſten Staatsdiener und katzbuckelndſten Streber. Immer muß ich Angeſichts dieſer alten trüben Er⸗ fahrung an den ſchönen Vers von Robert Prutz zurückdenken, den ich einſt auf einem Commerſe der GießenerKattia unter allge⸗ meinem Beifall warnend citirte:

Die ſonſt um einenDummen Die Naſen ſich zerfetzt,

Wie ſieht man ſie verſtummen Im Dienſt der Schande jetzt! Sie klirrten mit den Sporen: Philiſter, drehe Dich!

Jetzt ſenken ſie die Ohren,

Naht nur ein Hofrath ſich!

Glüalicher Weiſe iſt das nicht bei allen Erſtudioſen der Fall. Ich fenne deren gar manche, die ſich im ſogenanntenPhiliſter Leben als Männer von Charakter bewährt haben und trotz ent⸗ gegenſtehender politiſcher Ueberzeugung oder den obligaten Rück⸗ ſichten ihrer amtlichen Stellung mir bis auf den heutigen Tag noch unwandelbar die gleichen Freunde, wie einſt in Gießen, ge⸗ blieben ſind. Sie tragen, ſo zu ſagen, noch die alte akademiſche Cerevismütze unter dem Hute und der einmal in fröhlicher Stunde. mit oder ohne verſchränkte Arme getrunkene Schmollis hat für ſie dauernde Geltung. Und das iſt eben das Schöne der nicht blos oberflächlichen Univerſitäts⸗Freundſchaften, daß ſie zwiſchen Commi⸗ litonen von Ehre und Geſinnung ungeachtet alles Wechſels der Dinge fortdauern bis an das Grab. Mir fällt hier nur ein beſonders charakteriſtiſches Beiſpiel ein. Einer meiner intimeren