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IX
welche magiſche Gewalt für junge Herzen das heilige Wort„Frei⸗ heit“ hat, auch wenn ſie trotz ihrer hiſtoriſchen Kenntniß der griechiſchen und römiſchen Republiken davon nur ein ſehr ver⸗ ſchwommenes Bild ſich zu entwerfen verſtehen. Das Schenkendorf'ſche Lied von der transcendentalen Mondſchein⸗, Freiheit, die ich meine, unterm Sternenzelt“ u. ſ. w. haben wir auf unſern geheimen Commerſen ſtets mit beſondrer Inbrunſt geſungen. Unſer Vertrauen auf den Liberalismus des„alten George“ war ſo groß, daß wir ihn ſogar aus lauter Naivetät einmal in ein faſt ergötzliches Di⸗ lemma brachten, das für ihn leicht ärgerliche Folgen hätte haben können. Es wird vielen von den anweſenden Herren wohlbekannt ſein, daß Alle, die in den 40er und 50er Jahren von dem Büdingener Gymnaſium aus zur Gießener Hochſchule kamen, ſich durch beſondre Vorliebe für unſern vielverkannten Dichter Platen auszeichneten, von dem G. Herwegh ſo ſchön ſagt:
„Kalt und ſtolz, ein Gletſcher, hoch ragſt du über die Fläche,
Die das gemüthliche Vieh unſrer Poeten begraſ't.“.
Wir dankten ſie ihm, der ihn uns mit vollem Verſtändniß für die klaſſiſche Form und den gediegenen Inhalt kennen und lieben lehrte, und von unſern Mitſtudenten erhielten wir deßhalb den Spitznamen der„Plateniden“. Nun hatten wir erfahren, daß von Platen auch ein Bändchen feuriger, von Ruſſen⸗ und Tyrannen⸗ haß ſprühender„Polenlieder“ exiſtire, was freilich von dem hohen deutſchen Bundestage polizeilich ſtreng verboten war. Mein als gräflich Erbach'ſcher Oberförſter in Bullau verſtorbener Freund Kreyſſig, ein in der Wolle gefärbter Platenianer, verſchaffte uns von Straßburg aus ctwa ein Dutzend Exemplare und es wurde beſchloſſen, daß Einer von uns in der nächſten Declamationsſtunde der Prima ein beſonders energiſches Gedicht daraus— wenn ich mich recht erinnere, war es das famoſe:„Der König tanzt in Moskau!“— vortragen ſolle. Wir Tölpel freuten uns alle auf die angenehme Ueberraſchung, die wir unſerm platenfreundlichen und liberalen Director damit bereiten würden. Aber, ach, wie hatten wir uns getäuſcht! Und zwar mit vollſtem Rechte. Wenn er, der ſchon lange in gewiſſen maßgebenden Kreiſen mißliebig genug war, in ſeiner dienſtlichen Stellung als Director des Gymnaſiums eine ſolche, ob auch noch ſo unbedachte Mißachtung eines notoriſchen


