VII
das Prädikat„gut“, wenn auch nicht gerade„recht gut oder „ſehr gut“ kaum verſagen dürfte.
Aber nicht nur unſre deutſche Sprache und Literatur, auch die griechiſche und römiſche hat er mich gründlich kennen gelehrt und mich auf beiden Gebieten, ohne an den Vocabeln herumzuklauben,„durch die Schaale zum Kerne gelangen laſſen“. Auf dem erſteren iſt ſeine Ueberſetzung des Sophokles in Bezug auf möglichſt getreue Ueberſetzung des Textes, ohne dem Genius unſrer Mutterſprache Zwang anzuthun, aber auch ohne den Ge⸗ danken des Dichters zu moderniſiren und zu verballhorniſiren, bis jetzt nicht übertroffen, und ich denke vor Allem mit wahrer Andacht an die von ihm mit ſo viel Liebe und Verſtändniß geleitete Lectüre der Antigone und des Oedipus auf Colonos. Nicht minder aber auch unter den Lateinern an die des fröhlichen Lebemannes Horaz: ich ſelbſt ein„bareus Deorum cultor et infrequens“, der mit ihm das„desipere in loco“ liebt, zeitweiſe auch gar gerne„am runden Tiſche“ und ſonſtwo das„nunc eßt bibendum!“ anſtimmt. Und an jenen klaſſiſchen Vers, der mir ein Motto für mein Leben geworden iſt:„Justum ac tenacem propositi virum“ ꝛc. Ich denke, er wird mir zugeſtehen, datz ich trotz alledem und alledem, trotz Steckbrief, Flüchtlingſchaft, Freiſchärlerei, Correctionshaus, Prozeß M... und ſonſtigen Dingen ein„vir justus“ und vor Allem ein„tenax“ meines politiſchen„propositum“'s geblieben bin, welches letztere Prädicat in dieſer Zeit characterloſer Ueberläuferei an Werth gewonnen hat, wenn ich auch den„ardor civium“, die wahrlich nicht immer„prava“ verlangen, weit weniger bedenklich finde, als den„vultus“ eines bajonettenumſtarrten„tyrannus“. Ich kann ſchließlich den köſtlichen Humor nicht vergeſſen, womit er uns in der Ode:„Parcius junctas quatiunt fenestras“ mit wahrem Schmelz den nächtlichen Liebesruf erklingen ließ:„Lydia, dormis?“ Ja, es war eine glückliche Zeit,„als wir noch in Secunda und Prima ſaßen“ und nicht nur Cicero und Horaz, Homer und Sopho⸗ kles ꝛc. tractirten, ſondern nebenbei auch— ich darf ihm Das jetzt in’s Geſicht ſagen, ohne noch der Gefahr des Carcers ausgeſetzt zu ſein— bei verſchloſſenen Thüren lange Pfeifen rauchten(„da ſitzen ſie da, die„Wolkenverſammler!“ pflegte der anfängliche zweite Lehrer, Dr. Schaumann, uns höhniſch entgegenzurufen.


