164 Der Neubau der Universitätsbibliothek zu Gieſsen
abgesehen, durch Verlängerung der beiden Seitenflügel des Verwaltungs- baus das Bücherhaus diesem hinsichtlich der Auſsenarchitektur enger anzugliedern. Indem man sich für einen einflügeligen Bücherbau ent- schied, erreichte man erstlich eine bedeutende Vereinfachung des Betriebs, ferner eine gröſsere Feuersicherheit und hatte endlich die Möglichkeit, dem Bücherbau, der jetzt in weitem Abstand von den Stralsenflüchten die Mitte des Baugeländes einnimmt, eine sehr beträcht- liche Breite zu geben, ohne dadurch die Belichtung des Bücherbaus irgendwie zu beeinträchtigen.¹) Die äuſsere Architektur ist in moderni- sierendem deutschem Barockstil gehalten. Die Hauptfront des Ver- waltungsbaus, für dessen äufsere Architekturteile mittelfränkischer (Rothenburger) Muschelkalk verwendet ist, wird von einem abgerundeten, durch Professor Varnesi mit reichem plastischem Schmucke versehenen Giebel gekrönt, der von zwei turmartigen Schieferhauben flankiert wird. Auf der Spitze des Giebels, über den mächtigen Fenstern des Lesesaals thront als Symbol der Wissenschaft eine Eule; zu beiden Seiten des Giebels ruhen Sphinxe. Die Wandflächen sind grau mit Terranova verputzt, die Sockel mit Basaltlava verkleidet. Auch die schwierige Aufgabe, der Auſsenarchitektur des siebengeschossigen Bücherhauses eine gefällige Gliederung zu geben, ohne die Bestimmung des Gebäudes zu verschleiern, ist vom Architekten unseres Erachtens in glücklicher Weise gelöst worden. Eine besondere Belebung verleiht der Fassade des Bücherhauses die Verwendung des in den verschiedensten Farben, ähnlich wie bunter Marmor, spielenden unterfränkischen Muschelkalk- steins, von dem sich die dunkelgrünen Kathedralglasfenster wirkungs- voll abheben.
Das 4,80 m i. L. hohe Erdgescholfs des Verwaltungsbaus enthält zwei Säle für die Aufstellung der Handschriften, Urkunden und Wiegen- drucke(90 qm) und für die Unterbringung der Tafel- und Kupferwerke (80 qm)— letzterer ist mit Handaufzug nach dem Flur des Obergeschosses versehen—, einen mit Schauschränken versehenen Ausstellungsraum (34 qm), ein Dozenten-Lesezimmer(34 qm, mit 10 Sitzplätzen), einen Raum für die Auslegung der zum alljährlichen Versand bestimmten Universitätsschriften(29 qm), je ein Zimmer für die Abhaltung von palaeographischen Übungen und für die Aufbewahrung der Vereins- schriften und Archive der gelehrten Gieſsener Gesellschaften, ein zu- gleich dem Verkehr mit den Buchbindern dienendes Packzimmer mit Ausgang nach dem Hofe für Annahme und Beförderung von Fracht- sendungen(44 qm), einen zur Aufbewahrung der älteren Bestände des Universitätsarchivs bestimmten Sammlungsraum, endlich Aborte und eine Damengarderobe. Die Decken über dem Handschriften- und Aus- stellungsraum sind durchschlagsicher, die Türen zu diesen Räumen wie zum Archiv sind feuersicher aus Eichenholz mit Eisenblechbeschlag hergestellt; auch sind die drei Räume mit eisernen Fensterläden versehen.
1) Für die Einzelheiten der baulichen Ausführungen sind im folgenden die Mitteilungen der Baubehörde für die Universitäts-Neubauten mit Dank benutzt worden.


