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Pastor Vigilans. Oder Christliche Leich-Rede Von Nothwendiger Hut und Wachtsamkeit/ die alle Christen in diesem zeitlichen und vergänglichen Leben/ sonderlich aber Geistliche Seelen-Hirten zuhalten schuldig seynd : Auß Gottes H. Wort/ nach dessen wahrhafftem Vättermässigen Verstand abgehandelt/ und mündlich vorgetragen in hochansehnlicher und sehr Volckreicher Versamblung/ Als deß Hochwürdigsten in Gott Vattern/ Fürsten und Herrns Herrns Damiani Hartardi, Deß Heil. Stuhls zu Mayntz Ertz-Bischoffen/ deß H. Römis. Reichs durch Germanien Ertz-Cantzlers und Chur-Fürstens/ Tods-verblichener Leichnamb in St. Laurentii Capell des Hohen Dhom-Stiffts versencket/ der entleibten Seel aber nach Uhr-alten Catholischem Brauch/ durch das Göttliche Ampt der H. Mess. und übriger Besingnuß die schuldige Suffragia erstattet worden / Durch den Hochwürdigen in Gott Vattern/ und Herrn/ Herrn Adolphum Godefridum, Bischoffen zu Diocletianopel und Mayntzischen Suffraganeum, der H. Schrifft Doctorn, Pastorn und Dhom-Predigern in Mayntz
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vigilare mecum, Matth. XXVI. v. 40. Wie? iſt es dahin kommene habt ihr kein groͤſſeres Mitleiden mit mir dann alſo? habt ihr kein beſſe⸗ res Hinderdencken/ und erinnert ihr euch nit/ daß ich eben darumb in ſolche Angſt gerathen bin/ weil ich mit dem allwiſſenden Aug meiner Goͤttlichen Wiſſenſchafft vorher geſehen/ was geſtalt mein unſchuldiges Leyden und Sterben an ſo vielen ruchloſen ungluͤckſeligen Menſchen wird verlohren ſeyn. Das ſolte euch ja mehr als mir zu Hertzen gehen. Euch ſolte es viel mehr als mir den Schlaff brechen: Sic non potuiſtis una hora vigilarc mecum. Ach liebſter Jeſu/ moͤchte doch dieſe Wort mancher roher Chriſt auß deinem allerheiligſten Mund hoͤren! Non potuiſti una hora&c. kanſtu nit eine Stund im Gebett/ eine Stund in der Predig⸗ eine Stund in der H. Meß/ eine Stund under der Veſper und Complet, ja was aͤrger iſt/ manchmahl nit eine viertel Stund under einem Vatter unſer und Engliſchen Gruß/ under einem Milerere und pſalm. De pro-

fundis. wachend die verſtreite/ boͤſe/ eitele und abgoͤttiſche Gedancken außſchlagen 5 Num. III.. Selig aber ſeynd die jenigen Knecht welche der Herr in der zwey⸗ ten und dritten Wacht kommend/ wachend findet: Lucæ Cap. XII.v. 37. Ich hab mehrmahls eine ſonderbare Reflexion uͤber die Wort/ Wan

der HERR i der zweyten und dritten Wacht kommet/ wachende ſindet: warumb der Evangeliſt Lucas nit geſagt/ wann der HErr in der erſten/ zweyten und dritten Wacht/ wachende findet. Bin endlichen auff die Gedancken kommen/ das menſchliche Leben muͤſſe in drey Wachten eingetheilt werden/ vor dieſen Wachten aber/ gehe vorher das unmuͤndliche Kindliche Alter/ da wir von den Him̃liſchen Engeln verwahret und durch unſere liebe Eltern verſorget werden. Von dieſer erſten Wacht thue Chriſtus keine Meldung/ denn dieſe muͤſſe nit von uns ohne Mittel/ ſondern durch die ſelige Engliſche Gei⸗ ſter/ und unſere natuͤrliche Eltern verrichtet werden/ die wachen und ſeynd fuͤr uns zu wachen ſchuldig/ ſo lang biß wir bey erlangtem voͤlligen Verſtand auff unſere Hut zutretten/ vermoͤgen.

Die zweyte Wacht kom̃t in die erwachſene Jugend/ in deren wir wiſſen ſollen/ was recht und lincks/ boͤß oder gut ſey/ da ſollen wir unſer Hertz und Gemuͤth nach der Lehr deß bewehrten Kirchen⸗Lehrers Sancti Thomæ de Aquino, von aller Creaturen Eitelkeit zu GOTT dem hoͤchſten Gut erheben. Aber leider Gott beſſere und erbarme ſich deren ſo dißfalß den erſten Sturtz in die Suͤnden hinein thun: Da heiſt es freylich wie dorten David im IV. Pſalm klagend ſagt: Non eſt qui faciat bonum, non eſt usque ad unumz ſonderlich bey die⸗ ſen letzten Zeiten/ da die Kinder⸗Zucht ſo gar verſchwunden/ und der Eltern geringſtes Anliegen darin beſtehet/ ob ihre Kinder beym erſten Anblick ihres voͤlligen Verſtando ſich zu Boh oder einem andern 88 8