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Pastor Vigilans. Oder Christliche Leich-Rede Von Nothwendiger Hut und Wachtsamkeit/ die alle Christen in diesem zeitlichen und vergänglichen Leben/ sonderlich aber Geistliche Seelen-Hirten zuhalten schuldig seynd : Auß Gottes H. Wort/ nach dessen wahrhafftem Vättermässigen Verstand abgehandelt/ und mündlich vorgetragen in hochansehnlicher und sehr Volckreicher Versamblung/ Als deß Hochwürdigsten in Gott Vattern/ Fürsten und Herrns Herrns Damiani Hartardi, Deß Heil. Stuhls zu Mayntz Ertz-Bischoffen/ deß H. Römis. Reichs durch Germanien Ertz-Cantzlers und Chur-Fürstens/ Tods-verblichener Leichnamb in St. Laurentii Capell des Hohen Dhom-Stiffts versencket/ der entleibten Seel aber nach Uhr-alten Catholischem Brauch/ durch das Göttliche Ampt der H. Mess. und übriger Besingnuß die schuldige Suffragia erstattet worden / Durch den Hochwürdigen in Gott Vattern/ und Herrn/ Herrn Adolphum Godefridum, Bischoffen zu Diocletianopel und Mayntzischen Suffraganeum, der H. Schrifft Doctorn, Pastorn und Dhom-Predigern in Mayntz
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ſondern Wachet. Vom Loͤwen melden die Naturaliſten/ er ſchlaffe mit of⸗ fenen Augen/ dahin mag wohl gezielet haben die Schrifft: Ego dormio & cor meum vigilat, Cant. V.v.=. Dieſe Wort deuten die H. Vaͤtter auff den Loͤwen vom Stamm Juda/ Chriſtum Jeſum unſern Erloͤſer und Heyland. Deme hierin folgen alle außerwoͤhlte Kinder Gottes/ wie der fromme und weiſe Sirach in ſeinem Bibelmaͤſſigen Eccleſiaſtico wohl erinnert Cap. XXXIX. Juſtus cor ſuum tradidit ad vigilandum di- luculo. Er geſtattet ſeinen Augen keinen Schlaff/ und ſeinen Augbrawen keinen Schlummer. Pſal. CXXXIV 4. Vnd ob zwar auch die Frommen und Gerechten von Natur nit allerdings deß Schlaffs entbehren koͤnnen: ſo iſt doch von allen Hertzfrommen dieſes fern/ daß ſie ſich deß Schlaſſs und der Faulentzerey ergeben ſollen. Mitten im Schlaff wachet ihre Seel/ das Aug ihres Hertzens laſſen ſie nimmer zugehen. Wann ſchon die Sinnlichkeit und der in und anliegende Zunder der Concupiſcentzʒ ſie offtermahl anreitzet zu einer oder andern unzulaͤſſigen Beluͤſtern/ ſo wider⸗ ſpricht doch allezeit der im Hertzen hafftende heilige Glaub/ alſo daß wie die gemeine Experientz auch einem frommen ſchlaſſenden Catholiſchen Chriſten nit mehr traumen wird/ er ſeye ein Jud/ Tuͤrck oder Secktirer wor⸗ den. Die Allmacht Gottes behuͤtet alle fromme Seelen vor dergleichen Teufſels Traum. Darfuͤr kan und ſoll ſich ein glaubiger Chriſi/ che und bevor er in den Schlaff faͤlt/ zum beſten durch das H. Gebett und Fron⸗ Zeichen des H. Ereutzes verwahren/ daß Gott die Phantaſey vor derglei⸗ chen abſchewlichen Bildnuſſen gnaͤdiglich durch ſeinen heiligen Geiſt behuͤ⸗ ten wolle. Wann aber manchesmahl ein Menſch ſeiner Seelen Wacht nit in acht nimbt/ voll und toll in die Federn ſich hinein wirfft wie ein Maſt⸗ Schwein/ was waͤr es Wunder/ wann dergleichen laͤſterliche Traͤum einem manches mahl vorkaͤmen. Wie aber dieſes Vigilare in unſerm gantzen Lebens⸗Lauff zu practiciren ſey/ wollen wir im erſten Theil dieſer Leich⸗ Sermon mit mehrerm außfuͤhren. Warumb aber/ und auß was Vrſa⸗ chen ſolches geſchehen muͤſſe/ wollen wir im andern Theil derſelbigen auß⸗ fuͤndig machen/ bey beyden aber wohl in acht nehmen/ wie und welcher geſtalt weyland unſer Hochwuͤrdigſter Ertz⸗Biſchoff und Chur⸗Fuͤrſt in ſei⸗ nem gefuͤhrten Lebens⸗Lauff alles Ernſies Ihme angelegen ſeyn laſſen.

CONFILRMATIO Num. II.

ALs Chriſtus Jeſus im Garten Gethſemani/ in ſeiner letzten Todten⸗

Angſt auß tieffſter Betrachtung ſeinen blutigen Schweiß von allen Enden und Ecken ſeines heiligſten Leibs herauß koͤnnelen laſſen/ und ſolches hauptſaͤchlichs auß ſchmertzhaffter Erinnerung/ daß der groͤſte Hauffe der Menſchen ſeines ſchmertzhafften Leydens ſich ſo wenig wuͤrde thenhafftig machen/ deren unartigen Bruchloſigkeit er an ſeinen anweſenden Juͤngern ein lebendiges Beyſpiel ſahe/ wie ſie da lagen und ſchlieſſen/ da brach er in dieſe wehmuͤtige Wort auß und ſprach: Sic non potuiſtis una hora

Vigl-