Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
356
 
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befinden. Ihr krabbelt hinauf zu den zweiten Logen. Aber ach! alle ſind beſezt, es iſt kein Plaz mehr zu finden, nicht das kleinſte Pläzchen! Jedoch der alte Logendiener räth euch, auf die Gallerie zu gehen, aber um dahin zu kommen, wo es wohlfeiler iſt, als in den erſten Logen, müßt ihr die Güte haben, ein Supplement von einem Franken für jeden Plaz zu bezahlen. Ihr ſtoßt fünf Seufzer aus und zollt den neuen Tribut von einem Frank jedes von euch bei den dem Freitheater.

Endlich auf der Gallerie angelangt, beklagt ſich eure Dame, ein Paar Griſetten zu Nachbarinen zu haben, deutet auf eine leere, kleine Loge*), und flüſtert euch heftig zu:um keinen Preis der Welt bleibe ich an der Seite ſol cher entſezlichen Geſchöpfe, wie wir zu Nachbarinen haben, du mußt uns abſo lut jene Pläze nehmen! Ihr ſteht auf, und indem ſich eine unbegränzte Zahl von Seufzern Luft macht, geht ihr hinaus und zahlt das dritte Supple ment von einem Frank für jeden Plaz in der von eurer theuren Gattin gefor derten Loge da ſeht ihr nun das Freitheater. Auf dieſe Weiſe, Supplement auf Supplement, ſeid ihr mit eurem Freibillet am Ziele, was euch mehr koſtet, als wenn ihr den Eintritt bezahlt hättet. Allein! noch iſt eure traurige Ge ſchichte nicht zu Ende! Zwiſchen den beiden Melodramen ſpürt eure Frau, die nichts zu Mittag gegeſſen hat, ein gewaltiges Ziehen im Magen und ihr müßt ſie natürlich ins Café führen, damit ſie wenigſtens einen Milchreis nimmt, wäh rend ihr die Gelegenheit ergreift, eurem geringen, blos aus einem Stüke kalter Paſtete gebildeten Mahle etwas nachzuhelfen. Ihr werft euch daher haſtig auf die Paſtetchen, Waffeln und Viskuits. Neue Ausgaben von zwei, auch drei Franken! Zurükgekehrt in die Loge, begehrt eure Frau, weil ſie durchaus die Namen der Schauſpieler kennen will, das Journal-Programm, das auch be zahlt werden muß. Nach dem Theater neue Koſten für den Fiaker, denn es iſt doch unmöglich, daß die arme kleine Frau, die zwei ganze Melodrame, jedes von 5 Akten, verſchlukt hat, zu Fuße nach Hauſe geht! Das würden we der Nerven, noch Beine aushalten!

Wie ihr nunmehr an eurem ehelichen Hauſe ankommt, bemerkt euch der Fia⸗ ker, daß es bereits halb 1 Uhr und Mitternacht vorbei ſei, ſohin die doppelte Fahrtaxe bezahlt werden müſſe. Ihr zahlt mit einer doppelten Ladung Seuf zer! Ihr klopft an das Thor, aber die Thürhüterin zieht den Riegel nicht auf. Ihr klopft, klopft noch einmal, klopft wieder; endlich nach dem zwanzigſten Schlage entſchließt ſich der eingeſchlafene alte Drache zu erwachen und euch hineinzulaſſen. Ihr tretet in ihr Zimmerchen, um das Licht zu neh men, da ſagt euch die Thürhüterin:mein Herr! nach dem beſtehenden Hausge brauche ſind Sie gehalten, mir einen Frank zu bezahlen, weil Sie erſt nach Mit⸗ ternacht nach Hauſe gekehrt ſind. Ihr legt euch endlich zu Vette und rech⸗ net endlich im Kopfe nach, daß euch das Freibillet, welches eure Frau von einem galanten Vaudevilliſten empfing, ſiebenzehn Franken gekoſtet hat. Glük lich noch wenn's nicht mehr koſtet, als das! Glüklich, wenn ihr am andern Ta ge in Folge der euch zuſtehenden Hauspolizei, die Kommode eurer lieben Frau durchſtöbernd, nicht das Briefchen findet, in welches der galante Vaudevilliſt das Freibillet eingeſchloſſen hat, dreimal glüklich aber, wenn ihr nach deſſen Durch⸗

) Solche kleine Logen, eigentlich geſperrte Size, heißen: baignolres.