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jeher abgehalten, unſere blutige Kunſt zu handhaben.“—„Wohl mehr, mein ver— ehrter Wirth,“ fiel ihm Wilhelm in das Wort,„hat Sie Ihr menſchliches Gefühl davon abgehalten, ſo viel ich bei unſerer jungen Bekanntſchaft gemerkt habe; denn es muß gräßlich ſein, ſelbſt nach gefälltem Rechtsſpruche einem wehrloſen, gefeſſelten Menſchen, wenn auch Verbrecher, mit kaltem Blute das Leben nehmen zu müſſen. Doch bitte ich, mir den lezten Gebrauch des ominöſen Schwertes zu erzählen, das ſo ſehr meine Aufmerkſamkeit, ich geſtehe es Ihnen, in Anſpruch genommen hat.“—„Junger Mann,“ erwiderte der biedere Haus— wirth,„Sie, der Sie ſich erſt kürzlich dem Kreiſe der Muſen entzogen und dem Schwerte zugewendet haben, fällen mit dieſen Worten ein hartes Urtheil über meine Standesgenoſſen. Bedenken Sie, dieſe bisher beinahe den Parias zu ver— gleichende Kaſte, die nur das geheime Grauen, welches ihr blutiges Handwerk faſt einem Jeglichen, in Verbindung mit einem geheimnißvollen Rechtsgefühl, un— antaſtbar machte, und welche ſich immer vom Vater zum Sohn vererbte; beden— ken Sie, daß dem Erben dieſes grauſen Geſchäftes der fallende Kopf des Ver— brechers allein nach den bisherigen Sitten ſein bürgerliches Recht ſicherte, und ihn zum Mitglied der menſchlichen Geſellſchaſt erhob, von der er vorher ausge— ſtoßen war; bedenken Sie dieſes, ſo werden Sie mir zugeben, daß nicht Rohheit und Mordluſt dem Nachrichter das Schwert in die Hand gibt, eben ſo wenig wie Ihnen, dem Muſenſohn, den nur Liebe zum Vaterlande zum blutigen Hand— werke des Krieges zu werben vermochte. Auch in der Bruſt des Nachrichters ſchlägt oft ein fühlendes Herz.— Doch nun zur Geſchichte des Schwertes.“ „Im Jahre 1710 war mein Urgroßvater Beſizer meines jezigen Eigen— thums und berühmt in der Ausübung ſeiner blutigen Kunſt. Eines Abends, als die Nacht ihre dunklen Fittige ſchon über die ſchöne Gegend breitete, ſaß der kräftige Mann noch ſpät auf der Bank vor der Thür ſeines Hauſes, während ſeine Leute bereits in den Armen des Schlummers befangen waren, und freute ſich ſeines Daſeins. Auf einmal ſah er durch die Hohle, welche jezt durch die ſchöne Chauſſee verdrängt iſt, einen vierſpännigen, ganz verſchloſſenen Kutſch— wagen der damaligen Art langſam ſeinem Hauſe wie ein düſterer Schatten ſich zuwinden, und kaum, daß er ſeinem Erſtaunen Raum gegeben hatte, wendete der näher gekommene Wagen hier auf dem freien Plaze, und der unkenntliche Kutſcher parirte vom Voke aus das mit dunklen Tüchern, wie bei einem Lei— chenzuge, bedekte Viergeſpann dicht vor dem Erſtaunten. Bevor noch der Er— ſchrokene ſich faſſen konnte, öffnete ſich der altert hümliche Kutſchenſchlag, und vier verhüllte Geſtalten ſprangen heraus und umringten ihn. Nachdem er die Frage, ob er der Scharfrichter des Ortes, bejaht hatte, drängten ſie ſich mit ihm in das untere Zimmer des Hauſes und verſchloſſen die Thür, ihn zugleich bedrohend, daß es ihm ſein Leben koſte, im Fall er den geringſten Verſuch mache, Lärm zu erheben. Endlich ermannte ſich der Beſtürzte und fragte nach der Ur— ſache des ſonderbaren Benehmens; denn der Gedanke, daß nicht Räuber in einer vierſpännigen Kutſche ihn, den Scharfrichter, heimſuchen würden, ſtählte ſeinen Muth.“—„Ihr ſeid,“ ward ihm zur Antwort,„ſo berühmt in Eurer Kunſt, daß wir Euch aufgeſucht haben, um eine Probe davon zu ſehen. Hier dieſer volle Beutel verſpricht Euch einen größern Lohn, wenn Ihr die Prüfung vollkommen beſtanden haben werdet.“ Bei dieſen Worten erklang eine gehäkelte Vörſe, die bei dem ſchwachen Schein der im Zimmer niedergebrannten Lampe durch die Maſchen


