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anmuthigem Weſen, die wenig mit ſolcher Art Geld zu erwerben vertraut ſchien, umher und hielt Jedem, der dieſer Vorſtellung in freier Luft zuſah, eine höl— zerne Schachtel hin und bat um ein Paar Pence. Aber die Meiſten, an die ſie ihre Bitte richtete, drehten ihr ſchnell den Rüken und verließen den Haufen, um ihres Weges zu gehen. Die Einnahme war alſo nur dürftig, und nichts weniger als ermuthigend. Der Mann ſtellte daher, als die Frau zurükkehrte, und ihm den geringen Ertrag ihrer Sammlung gezeigt hatte, ſeine Kunſtſtüke ein, verabſchiedete ſein ſo wenig freigebiges Publikum lud ſich die dike Trommel, zwei Stühle, einen Tiſch, drei Stäbe und zwei Flinten auf den Naken, die das ganze Material ſeiner Kunſt bildeten, und ging mit ſeiner verſchoſſenen, rothen Sammetweſte, ſeinen fleiſchfarbenen Tricots und ſeinem alten, gelben Ueberrok einer nahen Schenke zu. In ſeinem Geſichte lag tiefe Schwermuth und Ver— zagtheit, ſo daß Salt von Mitleid bewegt wurde; als die junge Frau an ihm vorüber kam, ſagte er ihr:„Ihr habt mir Eure Schachtel nicht bingereicht, mein Kind, laßt mich doch auch meine Spende geben.“ Und damit drükte er der Unglüklichen ein Geldſtük in die Hand; ſie dankte ihm gerührt. Auch der Mann drükte ihm ſeine Erkenntlichkeit in ſchlechtem Engliſch, und mit einem Accente aus, der den Italiener verrieth. Salt, der eben aus Rom zurükgekommen war, knüpfte nun ein italleniſches Geſpräch mit ihm an, und war uicht wenig er— ſtaunt, als er in dem Fremden einen Mann fand, der ſehr fein und gewählt ſprach, und eine Erziehung und Bildung verrieth, wie ſie ſonſt wohl nicht bei einem Gaukler gefunden zu werden pflegt.„Armut! iſt keine Schande,“ ant— wortete ihm der Italiener, als er dieſem Bemerkungen darüber machte.„Hätte mir Einer vor einem halben Jahre prophezeiht, ich würde hier unter freiem Himmel den Schotten Kunſtſtüke vormachen, ich würde dem Seher der Zukunft wohl in's Geſicht gelacht oder vielmehr ihm einen derben Fauſtſchlag zum Lohn für ſeine Verkündigung verſezt haben. Ich unternahm die weite Reiſe hierher in der Hoffnung, einige hyͤdrauliſche Maſchienen, die ich erfunden, auf vortheil— hafte Weiſe für mich bekannt zu machen. Aber faules Kleben am Hergebrachten und Bekannten, und Unwiſſenheit verſchloſſen mir alle Thüren. Ehe ich die Hoff⸗ nung verlor, es in der Welt noch zu etwas zu bringen, hatte ich mich mit ei— nem jungen Mädchen verheirathet. Mir blieb nur die Wahl zwiſchen Selbſt— mord oder Diebſtahl, oder dem ſchmählichen Gewerbe, zu dem ich mich ent ſchloſ⸗ ſen habe. Hätte ich allein in der Welt geſtanden, Herr, ohne Zögern hätte ich Selbſtmord gewählt. Aber mit dem armen Weibe an meiner Seite wäre es feig geweſen, ſterben zu wollen. Des halb faſſe ich Näder mit den Zähnen, und ſchwin⸗ ge ſchwere Gewichte.“—„Ihr ſolltet wenigſtens Eure Kunſt nicht auf offener Straße treiben. Weshalb wendet Ihr Euch nicht an irgend einen Schauſpiel⸗ Direktor? Mit Eurem ſchönen Wuchs und Eurer Gewandtheit würde es Euch nicht an Beifall und Lohn fehlen.“—„Ach Herr, hat man Hunger, ſo iſt Brod das erſte, was Noth thut.. Ich wartete, zum lezten Mittel zu grei⸗ fen, das unſer Leben friſten kann, bis ich mein armes Weib ohne Nahrung ſah.“
Salt nahm einigen Ant heil an den Fremden, und beſchloß, ihre Lage ſo ſehr zu mildern, als es ſeine Kräfte nur irgend erlaubten. Er ſchlug dem Ehe— paar alſo vor, er wolle ſie mit nach London nehmen, und den Mann dem Di⸗ rektor von Aſtley's Cirkus, den er kenne, empfehlen. Sie nahmen dieſes Er⸗ bieten freudig und dankbar an, und nach wenigen Stunden machten ſie ſich mit


