Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
258
 
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Nachkomme des Androkles, ein zweiter Amphion und Orpheus, der die Thiere ſtatt mit der Leier mit Blik und Peitſche zur Aufmerkſamkeit thiget. Es iſt van Amburgh, welcher des lieben Geldes wegen ſein Leben tauſendmal wagt, und ſtatt eine Arie zu trillern, oder einen Monolog von Ra eine mit antikem Faltenwurf zu deklamiren, ſeinen Kopf in den Rachen des Löwen ſtekt, dem Tiger den Bart zupft, wie's die alten Vorfahren der Pariſer den auf den kuriliſchen Stühlen ſizenden Senatoren des eroberten Roms tha ten, und der Hyäne einen Naſenſtüber gibt, als wär's ein naſenweiſer Burſche: Alles, um den Beifall und Zulauf eines Parterres zu erhalten, das ſeinen lez ten Frank gutwillig hingibt, in der angenehmen Hoffnung vielleicht das Glük zu haben, den neuen Amphion von ſeinen beſtialiſchen Eleven auffreſſen zu ſehen! Amburgh ſollte in einigen Tagen nach Petersburg reiſen, daher die Neugierde der Pariſer mit jedem Tag ſtieg und die Räume des Theaters und das Portfeuile des Beſtienerziehers ſich zum Plazen füllten.

Tritt mit mir, lieber Leſer, in den Tempel, der den Muſen geweiht iſt, nun aber durch Spekulation und Gelddurſt in eine Menagerie verwandelt wurde. Du glaubſt ſchon in der Ferne das Gebrülle der Pädagogen v. Amburghs zu vernehmen, aber du irrſt: was du hörſt, iſt dieerſte Nation der Welt. So lange der Vorhang die ideale Welt von der wirklichen ſcheidet, glaubt der Pariſer den Muſen keinen Reſpekt ſchuldig zu ſein; ſein Hang zur Geſelligkeit regt ſich, und während das Parterre eine Marſeillaiſe pfeift oder ſich mit Be kannten in der andern Eke des Saales mit erhöhter Stimme unterhält, üben die Gallerien ihr artiges Talent in Thierlauten, als hätte ſich hier das Haus der Gemeinen verſammelt, um einen unbeliebten Nedner auszutreiben; denn bald läßt der galiſche Hahn, bald der Geiſtesverwandte des Midas, die wohllau tende Stimme hören. In den Logen hingegen hatte ſich die vornehme Welt ein gefunden, die mit dem Tumulte des Parterres und den fröhlichen Bewohnern des Paradieſes keine Gemeinſchaft machten, ſondern ſich begnügten, die Wunderwerke der Mode zu betrachten, und dabei mit aller Ruhe einer gebildeten Nation, den guten Namen der Mitwelt zu zerreißen und den Vorleſungen aus der Cheonik ſkandaleuſe ein geneigtes Ohr zu leihen. Nur eine Loge war faſt leer. Ein einziger junger Mann lehnte an einem Pfeiler derſelben, und ſchien an allen dem, was um ihn herum vorging, keinen Antheil zu nehmen. Ein melancholt ſcher Zug machte ſein blaſſes Geſicht beſonders intereſſant. Sein einfacher, ge wählter Anzug zeigte von gutem Geſchmak, vorzüglich ſchön kleidete ihn die ſchwarze Krawate, durch welche die intereſſante Bläſſe ſeines Antlizes noch mehr hervortrat. Waskein Verſtand der Verſtändigen ſieht, das erblikt ſicher das Auge der Frauen von ihnen war der blaſſe Fremdling mit der genialen Phi ſiognomie nicht unbemerkt geblieben; ſein Teint ließ ſie vermuthen, daß er nicht zu den Glüklichen gehöre, und eine moderne, innere Zeriſſenheit ſeine Ruhe ge fährde. Entweder war es der Weltſchmerz oder eine unglükliche Liebe, die in ihm herrſchte; in beiden Fällen konnte er der weiblichen Welt nur intereſſant erſcheinen. i

Dem junge Manne ſchien jedoch, ganz gegen die Art der jezigen jungen Männer, die ſtillſchweigende Theilnahme der Frauenwelt keineswegs angenehm zu ſein, denn kaum hatte er bemerkt, daß er der Gegenſtand der Aufmerkſam leit ſei, hüllte er ſich in ſeinen Paletot, und zog ſich in den Hintergrund der