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halten!“ Mit dieſen Worten kam mir, dem wohlbeſtellten Herrn Referendarius Gerichtshalter in Dasdorf mein junges, munteres Weibchen entgegen, ſchlang den weißen, vollen Arm um meinen Naken und erwiderte meine heißen Küſſe mit einer Heftigkeit, als wären es die Küſſe der erſten Jugendliebe.„Heute gab es beſonders viel zu thun, mein Herzens-Röschen, der alte Müller hat uns mit ſeinen Prozeßgeſchichten ſo lange aufgehalten,“ erwiderte ich mich entſchuldigend, während ſie mir Hut und Stok abnahm und mir mein kleiner Karl mit mei— nem Schlafroke entgegen ſprang.„Vater, bin heute fleißig geweſen, da lies nur einmal, der Lehrer hat mir:„ſehr zufrieden“ aufgeſchrieben.“—„Bra mein Kind, dafür ſollſt du heute auch einen ganz delikaten Pfefferkuchen be— kommen.“
„Da ſieh' nur unſer Guſtchen,“ ſagte meine Frau und führte mich zur Wiege ihres kleinen Säuglings, tritt aber ſachte auf, denn ſie ſchläft— hat die ganze Nacht geweint, das arme Würmchen,'s hat heute den erſten Zahn bekommen.“ Wie ich ſo das Bild der Unſchuld, in dem ſich der Mutter Züge verjüngten, vor mir ſah und an meiner Hand das treue gute Weibchen hielt, da wurde mir ſo wohl ums Herz uns ich ſendete einen dankbaren Blik nach oben, wo der Geber alles Guten thront. Meine Roſa hatte mich verſtanden und mit Freudenthränen in den klaren Augen hing ſie an meinem Halſe.„Die Suppe iſt aufgetragen!“ ſchrie Karl, und alsbald ſezten wir uns zu dem einfachen mit häuslichen Freuden gewürzten Mahle. Da kam der Burſche Johann und mel— dete, ein Herr wünſche mich zu ſprechen, kaum hatte er ſeinen Auftrag vollen— det, als ſich die Thür öffnete und herein trat— Bruder Moriz, mein alter Schulkamerade. Wir hatten uns viele Jahre nicht geſehen und feierten heute im fröhlichen Zirkel das Feſt des Wiederſehens. Er mußte unſer Mahl mit uns theilen, meine Frau wußte in der Schnelligkeit noch eine vierte Speiſe aufzu⸗ tiſchen, der Keller ſpendete ein Paar Vouteillen des beſten Tokayers und in hei— teren Geſprächen und Erinnerungen an frühere Zeiten und Jugendſtreiche ver— flogen köſtliche Stunden freundlichen Veiſammenſeins.
„Ich habe es für meine Pflicht gehalten,“ ſagte Moriz,„dich bei meiner Durch— reiſe aufzuſuchen. Mein Onkel, ein alter geiziger Filz, hat mir den Gefallen gethan, das Ewige mit dem Irdiſchen zu vertauſchen und mich zu ſeinem Uni⸗ verſalerben einzuſezen. Will nun ein Bischen die Welt ſehen, Menſchen kennen lernen, bis ich des Wanderns müde, eine ſichere Ruheſtätte finde.— Du ſcheinſt recht zufrieden zu ſein, altes Haus?“ b
„Ich bin es auch, lieber Moriz, und wünſche vom Herzen, du möoͤgeſt es einſt eben ſo glüklich treffen. Ich habe ein braves Weib, geſunde Kinder und Gott hat mir die Mittel verliehen, für mein Leben anſtändig ſorgen zu können.““
„Sage mir,“ flüſterte er mir heimlich zu,„wie ich höre, ſo nennſt du deine Frau Roſa, wenn ich mich recht beſinne, ſo habe ich ja einmal von einer Luiſe etwas lispeln gehört.“
„Ach laß die alten Geſchichten!“ ſagte ich lächelnd,„Luiſe iſt ebenfalls vermählt und ſcheint recht glüklich.“ „Aber du hatteſt doch mit ihr ein Verhältniß auf Leben und Tod?“
„Ganz natürlich, aber ich könnte dir eine Geſchichte von einer alten, gries⸗ grä migen Tante erzählen, doch wozu das iſt ja das gewöhnliche Ende der Stu—


