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ich eines Nachmittags auf einem einſamen Spazirgange an einem Friedhofe var— über wandelte, riß mich eine unerklärbare Sehnſucht hin, dieſe Wohnung der Verblichenen näher zu beſichtigen. Auf einem düſtern Grabeshügel, dem ein ein⸗ faches Kreuz zur Zierde diente, kniete ein junges Mädchen,„ſchön wie Raphael die Unſchuld malt“, ihre feuchten Augen waren empor gerichtet zum Vater, der nach ſeinem weiſen Nathſchluſſe Gutes und Uebels unter ſeine Erdenkinder ver— theilt, gefaltet waren die weißen zarten Hände und den rothen Lippen entſtrömte ein heißes inniges Gebet und
Betend dieſe Heilige zu ſchauen
War ein Blik in jene Welt!
Auch mich hatte tiefe Rührung ergriffen, auch ich hatte ja Vater und Mut, ter verloren und jeder Grabeshügel war für mich ein Denk ſtein bitt'rer Erinne— rung. Vald führt der Schmerz gleich geſtimmte Seelen zuſammen und ſo machte ich an dem Orte der ewigen Ruhe die Bekanntſchaft Luiſens, die den Tod ihrer Mutter beweinte. Hinreißend iſt der Anblik des Weibes in Momenten der Freude, unwiderſtehlich, wenn Kummer und herber Schmerz die ſchöne Stirne mit dunklen Wolken beſchattet. Luiſe erſchien mir als das Ideal meiner Träume, als das höchſte Ziel meiner Wünſche. Wie erbärmlich dünkte mir nun mein bis⸗ heriges Treiben, wie ekelte mich jenes frivole Burſchenleben an und wahrlich die Scherze meines Freundes Moriz hatten mich noch nie ſo gelangweilt. Ich war nicht mehr ich, all' mein Sinnen und mein Treiben bekam nun eine andere, ich rarf wohl ſagen, eine edlere Richtung; jezt erſt erſchien mir der Zwek meines Daſeins klar, die Liebe hatte mich ins Leben eingeführt, denn bis her hatte ich gelebt, ohne es zu wiſſen. Es liegt eine unnennbare Seligkeit in jenen jugend— lich-romantiſchen Gefühlen, und wer ſie nicht empfunden, der tritt nur mit balb vollendetem Daſein vor den Richterſtuhl des Ewigen.
Luiſe war eine zwar arme, aber brave Weiſe, welche ihre Tage unter der Obhut einer alten grämlichen Tante verlebte. Ich habe allen Reſpekt vor meinen eigenen Tanten, aber die Tanten anderer Leute waren mir beſonders, wenn dieſe andern Leute hübſche Mädchen waren, immer ſehr fatale Geſchöpfe. Meine Liebe fand Hinder niſſe dieſe fachten die Glut der Leidenſchaft noch mehr an; Luſſe liebte mich, ich liebte ſie, da gab es ſtummes Augenſpiel mit obligaten Seufzern, da gab es Rendezvous, heimliche Beſtellungen, es wurde geſchmollt, geküßt und geſcherzt— mit einem Worte: alle Symptome eines kompleten zer⸗ liebtſeins waren an uns beiden bemerkbar.„Du biſt mein, Luiſe?“ fragte ich ſie, ihr herzlich ins blaue Auge blikend.—„Dein auf ewig!“ flüſterte ſie und ein heißer Kuß beſiegelte die Verſicherung.
III. Der Ehemann.
Wirklich beſizt er nun, was er begehrt! Denn es wachet mit zärtlichem Blit N Sorgſam— die Mutter. Das ſchonſte Glüt Gonnet ein Gott— im eigenen Haus Durch das nimmer ermüdende Weib!
J. J. Han nuſch.
„Wo biſt du ſo lange geblieben, du ſchlimmer Mann? Ach die garſtigen Amtsſtunden und Kanzleigeſchäfte; die dich immer auf ſo lange von mir fern
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