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tion gefunden. Der Hochzeittag wurde gefeiert, wie es noch in jedem Jahre ge—. ſchehen war, als ein Tag des Glükes und Segens. Davidſon verbrachte meh—
rere Stunden in der Kirche, wo er ſich im brünſtigen Gebet zum Tode vorbe— reitete, und den Himmel anflehte, er wolle ihm ſeinen Selbſtmord verzeihen,
und Suſanne und ſeine kleine Mary beſchüzen, wenn er nicht mehr ſei, wenn
ein Anderer ſeine Stelle einnehme bei dem Weibe und dem Kinde, die er ſo* ſehr geliebt.— Nubiger kehrte er dann nach Hauſe zurük. Als er in das Wohn- zimmer trat, bemerkte er, daß ſeine Frau eilfertig eine Thüre ſchloß, die in ein anderes Zimmer führte, und mit einer leichten Bewegung der Hand dem Kinde Stillſchweigen gebot. Davidſon ſtellte ſich, als habe er nichts von dieſem geheimnißvollen Treiben bemerkt, damit ihnen die Freude ganz ungeſtört bleibe, die ſie ſich und ihm durch eine Ueberraſchung machen wollten.
Der arme Mann, in deſſen Herzen furchtbarer Schmerz wüthete, ſezte ſich— indeſſen äußerlich ruhig neben Suſanne an den Kamin, nahm ſeine kleine Mary auf den Schoß und drükte ſeine brennenden Lippen in die goldigen Loken des Kindes. In dieſem Angenblik nahm ſeine Seele Abſchied von dem, was ihr am Theuerſten war auf dieſer Welt, und er mußte alle Kraft in ſich zuſammenraf— fen, daß er nicht der Wucht der Schmerzen erlag, die auf ihn einſtürmte. Mit dem einen Arme hielt er ſein Kind, das den Lokenkopf an ſeine Schulter legte, der andere hatte Suſanne umſchlungen.
„Du ermüdeſt deinen Vater, Mary, komm, geh von ſeinem Schoße,““ ſagte Suſanne.—„Mich ermüden, meine kleine Mary?...“ ſprach Davidſon, ſeine Rührung bezwingend,„ach nein, bleibe nur bei mir... gib mir einen Kuß... noch einen, noch einen—“—„Du verdirbſt mir das Kind noch“ lächelte Suſanne, und beugte ſich zu ihm und Mary herüber,„du ſchmeichelſt und küſſeſt Mary ja immer fort.“—„Dann verdirbſt du mich auch, Mama„ rief das Kind,„denn du küſſeſt mich eben ſo oft als der Papa.“—„Kleine Schwäzerin, ſagt man das wohl?“
Davidſon lächelte traurig über dieſen Streit, er gedachte daran, wie ei— nige Stunden noch ihm Friſt vergönnt ſei, und dann würden auch die beiden Herzen, die ihm ſo über Alles theuer, des Schmerzes Folterqual empfinden.— „Weißt du wohl,“ ſprach Suſanne weiter,„daß unſere Mary heute neun Jahre alt wird? Am erſten Jahrestag unſerer Verbindung hat Gott ſie uns ge— ſchenkt...“—„Werden wir ihren zehnten Geburtstag eben ſo glük lich feiern?“ ſeufzte Davidſon.—„Ach ganz gewiß, Papa,“ rief das Kind, und warf einen Blik auf die Thür, die Suſanne vorhin verſchloſſen hatte. Die Mutter warf ihr einen verweiſenden Blik zu.„Warum ſollten wir heute über ein Jahr nicht glüklich ſein, wie wir es heute ſind,“ wandte ſie ſich dann an ihren Mann, „ſcheint uns der Himmel nicht beſonders geſegnet zu haben mit Allem, was un- ſer Herz nur wünſchen kann?... hat uns Gott nicht ſeit unſerer Verheira⸗ thung vor jedem Unglük bewahrt?“—„Das iſt wahr,“ erwiderte Davidſon, „aber es iſt gefährlich, ſich an das zu gewöhnen. Der erſte Schlag, der uns trifft, iſt dann vielleicht um ſo fürchterlicher.“—„Sich in Gedanken das Un⸗ 6 glük, das uns treffen kann, ausmalen, iſt nicht vernünftig, lieber Freund... da heißt es empfinden, ehe es kommt.“—„Papa, wenn es dir Kummer macht, daß ich nicht artig bin, ſieh, ſo verſpreche ich dir, ich will mich beſſern und im— mer artiger werden... Von morgen an ſollſt du ſehen, wie fleißig ich 9
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