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Der Kopfpuz iſt das Luftſchloß ihrer Launen, das ſie oft theuer bezah⸗ len, wenn ſie vlel Haare laſſen müſſen. Der Kopfpuz war einſt die Morgen⸗ Andacht der feinen Damen-Welt, denn von Morgen an dachte Manche ihr gan— zes Leben hindurch an nichts, als wie ſie den Kopfpuz am vortheilhafteſten her⸗ ausſtaffire. Der Kopfpuz iſt das Aus hängeſchild des weiblichen Geſchmakes, der Verräther der Neigungen, der Schwächen weiblicher Herzen.
Die nicht Zeit hat, ihre Haare in Ordnung zu being, hat ſicher auch nicht Zeit, ihre Wirthſchafts-Angelegenheiten zu ordnen; ſp Federn in den Haa—⸗ ren verrathen, daß man nicht früh genug aus den Fed omme.
Feſtanliegende, glatte Haare deuten auf häusliche Anſpruchsloſigkeit; künſt⸗ lich verwikelte, ſorgfältig um das Haupt gewundene Flechten auf weniger Wirth—⸗ lichkeit, als auf Sinn für weibliche Handarbeiten, wie künſtliche Stikereien und Aehnliches.
Kurze feſte Loken ſind den proſaiſchen Frauen eigen, die von früheſter Ju⸗ gend an etwas Großmütterliches an ſich haben, und ſind ſie nur vor gebunden, ſo kann man auf phlegmatiſche Behaglichkeit ſchließen.
Loſe herunterhängende, die Stirn beſchattende Loken ſchmüken das Haupt einer Schwärmerin, eines poetiſchen Gemüthes, einer Verliebten.
Zarte, weiche, auch ſchmachtende Seelen lieben einzelne Lölchen hinter den Ohren.
Zwei kleine Loken an den Seiten, oder eine feſt anliegende in der Mitte der Stirn, ſind Kennzeichen eines kalten, ſpröden, auch eines preziöſen Gemüthes.
Ein Strauß am Hinterkopf hinabwallender Loken läßt bald die heitere Schelmin, den luſtigen Wildfang erkennen.
Auf beiden Seiten des Kopfes ungleiche Loken, und außerdem den Haar— puz in alle Spielereien hineintändelnd, trägt die Kokette; die Haare weit nach oben hinaufgekämmt, den Kopf nach der Mitte des Kopfes zu ungeflochten zu— ſammengerollt, das Mannweib— nach dem modernen Kunſtausdruke— die ſich emanzipirende Frau.
Man könnte dieſe Kopfpuz-Negeln als ſtete Norm zur Beurtheilung der Frauen annehmen, übte nicht auch die Mode ihre Macht aus, ſo daß die Nei— gung zu ihr alle andern Neigungen überwindet. Dadurch wird die Erkenntniß ſchwerer, und man muß ſcharf diagnoſtiziren, zu welcher beſonderen Vorliebe ſich der Kopfpuz, den das Mode Journal gebietet, in leichten Abweichungen hinneige.
Wie jede Herrſchaft, die es zu hoch treiben wollte, ſo iſt auch der Kopf— puz der Frauen von ſeiner Höhe geſtürzt worden. Wenn man jezt manchen Mann klagen hört: wie ſchwer ruht's auf meinem Haupte, ſeitdem ich geheira— thet, ſo konnten vor hundert Jahren dies die Frauen ſagen, da ſie damals einen Kopfpuz trugen, der bis zu einer Elle hoch hinaufſtieg.
Was ſind die jezigen gothiſchen Hauben und babyloniſchen Hüte gegen jene Kopfpuz-Thürme. Jezt ſind unſere Frauen ſchlauer geworden und bedürfen ſol⸗ cher Vorbaue nicht mehr, um ſich von den Männern nicht über den Kopf kom— men zu laſſen. Solch ein Kopfpuz ſah wie ein got hiſcher Thurm auf einer Cen— tifolie aus, wenn er über einem ſchönen Geſichte, und wie eine Vogelſcheuche über einem Dornenſtoke, wenn er über einem häßlichen emporſtieg.
Man muß faſt befürchten, daß dieſer gothiſche Bau auf Frauenköpfen bald wieder in die Mode komme, da es mit den Neifröken bereits der Fall iſt. Die
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