Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
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tächeln Fortunas. Mad. Lambert ſchloß ihre Brille, faltete ihr Journal bedaͤch⸗ tig zuſammen und als ſie ihre Vorbereitungen vollendete, begann ſie:Herr Laudier, Sie bewohnen das Dachſtübchen, dort am Ende der Stiege, wo ein doſenförmiges Fenſter und ein rieſiger Balken angebracht iſt, an dem Sie Ge⸗ fahr laufen, mit dem Kopfe anzurennen, wenn Sie nicht mit der Lokalität ver traut wären, nicht wahr?Sie haben da, Madame, ein vollkommenes Bild meiner Karthauſe entworfen.O, ich kenne ſie, mein Herr, nur zu gut, ich habe ſie bewohnt. Können Sie mir eine Stunde ſchenken, Herr Lau⸗ dier?Zu Ihrem Befehl, Madame.Hören Sie mich alſo: In eini⸗ gen Monaten wird es 50 Jahre ſein, als ich von meinem Dorfe mit meinen 15 Jahren und meiner Geſchiklichkeit im Nähen, die ich für hinlänglich hielt, um mein Glü machen, in Paris anlangte. Ohne Stüze und Führer, allein, nur mit einigen Louisd'or im ledernen Beutel, blieb ich, wo der blinde Zufall mich führte, und dies war ein Dachſtübchen, das Sie jezt bewohnen. Dort rich⸗ tete ich mich, wie es einer Arbeiterin geziemt, ein; ich hatte ein Strohbett, ein kleines Tiſchchen, zwei Seſſel und ein kleines zerbrochenes Spiegelglas, das mir ganz das Entgegengeſezte, als meine jezigen großen Spiegel mit vergolde⸗ ten Rahmen, zeigte. So ausgerüſtet erwartete ich die Arbeit und ſie kam, doch nicht allein, ſie kam mit der Liebe. Wenn Sie Ihre Fenſterflügel öffnen, wer⸗ den Sie ein ähnliches Dachſtübchen bemerken, das einem Hauſe gegenüber ge hört.Ja, Madame, ſagte Laudier,es iſt jezt von einer alten Frau bewohnt, die meine kleine Wirthſchaft leitet.Ein junger Kunſttiſchler wohnte damals dort. Zuerſt warf er verſtohlene Blike auf mich, hernach ſchaute er immer dreiſter zu mir hinüber und zulezt ſendete er mir Küſſe. Ich ließ mich durch ſeine Schmeicheleien fangen und liebte ihn. Wir begegneten uns auf der Gaſſe und, ohne ganz von ſeinen ſchönen Worten verführt zu ſein, brachte ich doch meine Zeit mehr mit ihm, als mit Zwirn und Nadel zu. Meine Kun⸗ den beklagten ſich, ich verlor einen nach dem andern) bis endlich der liebe Tag ankam, wo ich ohne Sou und in derſelben Lage wie Sie mich befand, indem ich meinem Hausherrn für zwei Termine ſchuldete. Ich hatte, mein Herr, immer einen geſunden Verſtand und ſo zu ſagen ein gewiſſes Wohlanſtändig keitsgefühl, ich ſah daher gleich ein, daß mein junger Ebeniſt träg und liederlich war. Dies war nicht der Mann, der mir zuſagte, allein ich war 15 Jahr alt und in dieſem Alter iſt man ſtets näher daran, eine leichtſinnige, als eine ver⸗ ſtändige Handlung zu begehen. Eines Tages hielt mich der Portier, ſo wie Sie geſtern, auf, und lud mich ein, zum Hausherrn zu kommen. Ich ging ohne Aufſchub hin. Der Graf von Charmy, ein edel geſtalteter Greis, empfing mich in dem Gemache, wo wir uns jezt befinden, und machte mir den ſeltſamſten Vorſchlag von der Welt.

Sie waren jung und ſchön, wagte Laudier hier einzufallen,es iſt nicht ſchwer zu...

Sie täuſchen ſich, mein Herr, dieſen ſchmählichen Antrag, an welchen Sie jezt denken, machte mir der Tiſchler. Herr v. Charmy ſchlug mir eine Hei rath vor. Dieſes Anerbieten war vernünftiger, als es Anfangs ſcheinen mochte. Alles liebte und achtete mich im Hauſe und nur mit Kummer ſah man mich mit dem Ebeniſten verbinden, einem Taugenichts, der mich über kurz oder lang in Elend zurüklaſſen würde. Herr. v. Charmy, der jüngſte Sprößling einer ade⸗